Von der Pflanze zum Garn
Klaus A.E. Weber
Bäuerliche Flachsverarbeitung
Anbau der Flachspflanze und die Verarbeitung ihrer Fasern zu Leinen

Schaukasten "Werdegang des Flachses" Weberei Wilhelm Kübler & Co
Stadtoldendorf │ 1959
Heimatmuseum Seelze
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Vom Flachsstängel zum Garn – Verarbeitungsschritte
nach Angaben im Freilichtmuseum Hessenpark (2019)
1. Raufen
Bei der Flachsernte im August wird mit der Hand die einjährige Flachspflanze (Gemeiner Lein) mitsamt ihren Wurzeln aus dem Boden gerupft - „gerauft“.
2. Trocknen
In Bündeln („Kapellen“) wird der geerntete Flachs zum Trocknen auf dem Feld aufgestellt.
3. Riffeln
Die getrockneten Flachsbündel werden durch einen langzahnigen Riffelkamm gezogen, um die Stängel von den Samenkapseln zu befreien.
4. Rösten
Die von Samenkapseln befreiten Flachsbündel werden
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auf dem feuchten Acker ausgebreitet (Feld-/Tauröste: 4-6 Wochen) oder
- in eine mit Wasser gefüllten Grube – Flachsrotte, Flachsröste, Flachskuhle - gelegt (Wasserröste: 8-10 Tage),
damit sich durch die beginnende Verrottung (Fermentierung) die weichen Pflanzenfasern aus dem Flachs von der holzigen Strukturen des Stängels lösen.
5. Darren
Die feuchten „gerösteten“ Flachsstängel werden zur Einlagerung oder Weiterverarbeitung getrocknet („gedarrt“), was zumeist auf dem Feld an offenen Feuerstellen oder in Dorfbacköfen erfolgt.
6. Brechen
Um die Pflanzenfasern freizulegen, wird der holzige Pflanzenkern mittels einer Holzbrechen zerkleinert.
7. Schwingen
Die gewonnen Pflanzenfasern werden von holzigen Stängelresten gereinigt, wobei die abgeschlagenen, kürzeren Fasern zu grober Leinwand verwoben werden können.
8. Hecheln
Um die Fasern gleichmäßig voneinander zu trennen, werden die einzelnen Faserbündel durch ein Brett mit spitzen Nägeln gekämmt.
9. Spinnen
Auf dem Spinnrad werden die feinen Faserstränge zu Garn verzwirbelt.
10. Spulen
Das auf den Spinnspulen zusammengedreht Garn wird geleichmäßig auf größere Spulen gewickelt.
11. Haspeln
Um ein einheitliches Maß des ausgesponnenen Garns zu erhalten, werden die Fäden vor ihrem Färben, Bleichen oder Verkauf auf eine oft mit einem Zählwerk versehe Haspel übertragen.
12. Bleichen
Die gewonnen Stränge werden auf kurzes Gras ausgelegt, wobei das Garn durch Sonneneinstrahlung und aufgebrachtes Wasser (Regen, Gießkanne) hell und geschmeidig wird.
Handgemachte bäuerliche Flachskultur um 1900:
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֍ Aussaat, Krauten, Rupfen
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֍ Streffen, Dreschen, Rezen
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֍ Brechen, Schwingen, Hecheln
- ֍ Spinnen und Haspeln
Die Leinpflanze (Linum usitatissimum)
Die nicht besonders anspruchsvolle Leinpflanze (Linum usitatissimum = „äußerst nützlicher Lein“), eine uralte, vielseitig verwendbare Kulturpflanze (im allgemeinen Sprachgebrauch meist auch „Flachs” genannt), dient noch heute der Faser- und Ölgewinnung.
Darüber hinaus fand und findet die Leinpflanze noch heute auch in der Volksmedizin Verwendung, da sie pharmazeutisch gut nutzbar ist, wie auch vielfach in der Küche und Kosmetik.
Besonders bedeutsam war unter frühneuzeitlichen Effizienzgesichtspunkten, dass alle Teile der kultivierten Leinpflanze im Verarbeitungsprozess restlos verwendet werden konnten.
So wurden aus dem hochstengeligen bastfaserreichen Faserlein (60-120 cm) Garne und Leinengewebe hergestellt und die öl- wie proteinhaltigen Leinsamen aus dem niedrig wachsenden Öllein (40-80 cm) zu Leinöl weiterverarbeitet.
Zudem wurde Flachs auch importiert, beispielsweise aus dem benachbarten Hochstift Hildesheim und aus Thüringen.[3]

im Hellental
© [hmh, Foto: Christel Schulz-Weber
Anbau von „Sommerlein“ (Faserlein)
Erst nach dem Dreißigjährigen Krieg, also erst nach 1648, hatte auch in dem armen braunschweigischen Weser-Distrikt die Leinenweberei einen deutlichen Aufschwung zum Gewerbe genommen, da nunmehr der landwirtschaftlich ausgerichtete Weserdistrikt stärker in das Blickfeld der Zentralverwaltung des finanzpolitisch erschütterten Landes Braunschweig getreten war.
Seit diesem Zeitraum wurde auch hier die alte Kultur- und Gewerbepflanze Lein aus ökonomischen Gründen verstärkt angebaut und verarbeitet.
Hintergrund hierfür war vornehmlich das herzogliche Bestreben, die höfisch strapazierten staatlichen Finanzmittel durch das zielgerichtete (merkantilistische) Erschließen neuer Finanzquellen aufzubessern - "Handel und commerce tunlichst zu befördern".
Zum Anbau der recht genügsamen, himmelblau blühenden, langfaserigen einjährigen Leinpflanze, die gut auf lösshaltigen Böden höherer Lagen gedeiht, eigneten sich offenbar auch die sandigen Lehmböden des Buntsandsteins im luvseitigen Solling.
Die bis zu einem Meter hoch wachsende Kulturpflanze wurde hier als „Sommerlein“ (Faserlein) angebaut, meist nahe den Dörfern.
Nach TACKE [1] waren die staatlich gelieferten baltischen Leinsaatsorten „Libausche“ und „Rigasche” für die klimatischen Verhältnisse des Weserberglandes besonders gut geeignet.
Durch die rasche „Flachsmüdigkeit“ des zum Leinanbau genutzten Ackerbodens (u. a. auch durch Nematodenbefall) war ein jährlicher Fruchtwechsel erforderlich.
Die Aussaat auf den ausgesuchten, eigenen oder gepachteten Feldern erfolgte regional unterschiedlich, in der Regel aber am 100. Tag des Jahres (10. April) resp. im Mai, die überwiegend von Frauen durchgeführte Flachsernte („Flachsraufen“) Ende Juli bis Anfang August.
Pro Morgen Ackerland betrug eine Durchschnittsernte etwa 75 Bunde.
Nach BUSSE [2] lag der Flachsertrag von 1 ha (10.000 m²) Anbaufläche bei etwa 9.500 kg Strohflachs mit Samen.
Hieraus konnten durch Spinnen 180 kg (1,9 %) bzw. 311 kg Werggarn (3,3 %) und 518 kg Flachsgarn (5,4 %) gewonnen werden.
2.090 kg Samenkapseln ergaben etwa 1.000 kg Leinsamen (48 %), aus denen durch Pressen und Extrahieren ca. 300 kg Leinöl (14 %) erzeugt werden konnten.
Der Zeitaufwand zur stufenweisen Herstellung verspinnbarer Fasern aus dem Flachs und die Produktion verkaufsfertiger Leinwand waren recht groß und die Arbeit sehr mühsam.
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[1] TACKE 1943, S. 87.
[2] BUSSE 2002, S. 5.
[3] ANDERS 2004, S. 260; MÄRZ/ZELL 2004, S. 85; BUSSE 2002, S. 15.