Die Leinpflanze (Linum usitatissimum)
Klaus A.E. Weber
Die nicht besonders anspruchsvolle Leinpflanze (Linum usitatissimum = „äußerst nützlicher Lein“), eine uralte, vielseitig verwendbare Kulturpflanze (im allgemeinen Sprachgebrauch meist auch „Flachs” genannt), dient noch heute der Faser- und Ölgewinnung.
Darüber hinaus fand und findet die Leinpflanze noch heute auch in der Volksmedizin Verwendung, da sie pharmazeutisch gut nutzbar ist, wie auch vielfach in der Küche und Kosmetik.
Besonders bedeutsam war unter frühneuzeitlichen Effizienzgesichtspunkten, dass alle Teile der kultivierten Leinpflanze im Verarbeitungsprozess restlos verwendet werden konnten.
So wurden aus dem hochstengeligen bastfaserreichen Faserlein (60-120 cm) Garne und Leinengewebe hergestellt und die öl- wie proteinhaltigen Leinsamen aus dem niedrig wachsenden Öllein (40-80 cm) zu Leinöl weiterverarbeitet.
Zudem wurde Flachs auch importiert, beispielsweise aus dem benachbarten Hochstift Hildesheim und aus Thüringen.[3]

im Hellental
© [hmh, Foto: Christel Schulz-Weber
Aussaat von „Sommerlein“ (Faserlein)
Erst nach dem Dreißigjährigen Krieg, also erst nach 1648, hatte auch in dem armen braunschweigischen Weser-Distrikt die Leinenweberei einen deutlichen Aufschwung zum Gewerbe genommen, da nunmehr der landwirtschaftlich ausgerichtete Weserdistrikt stärker in das Blickfeld der Zentralverwaltung des finanzpolitisch erschütterten Landes Braunschweig getreten war.
Seit diesem Zeitraum wurde auch hier die alte Kultur- und Gewerbepflanze Lein aus ökonomischen Gründen verstärkt angebaut und verarbeitet.
Hintergrund hierfür war vornehmlich das herzogliche Bestreben, die höfisch strapazierten staatlichen Finanzmittel durch das zielgerichtete (merkantilistische) Erschließen neuer Finanzquellen aufzubessern - "Handel und commerce tunlichst zu befördern".
Zum Anbau der recht genügsamen, himmelblau blühenden, langfaserigen einjährigen Leinpflanze, die gut auf lösshaltigen Böden höherer Lagen gedeiht, eigneten sich offenbar auch die sandigen Lehmböden des Buntsandsteins im luvseitigen Solling.
Die bis zu einem Meter hoch wachsende Kulturpflanze wurde hier als „Sommerlein“ (Faserlein) angebaut, meist nahe den Dörfern.
Die Qualität des Saatgutes Leinsamen war schwankend, so dass während des gesamten 18. Jahrhunderts die Qualität des Saatgutqualität ein bestimmendes landespolitisches Thema war, nicht zuletzt auch hinsichtlich der nicht selten auftretenden Missernten (Boden/Schädlinge/Wetterresistenz).
„Zur Durchsetzung einer hohen Flachsqualität verordnete der Geheime Rat 1723 ein Handelsverbot für alle nicht aus Riga eingeführten Leinsamensorten.“[4]
Die Einsaatmenge war von der Bodengüte abhängig.
Dabei wurde in der Regel der selbst geerntete Leinsamen wieder angebaut,
„Der Amtmann von Amelungsborn berichtete am 24. September 1753, dass seine umfangreichen Feldbesichtigungen ihn zu der Erkenntnis gebracht hätten, dass der Zeitpunkt der Einsaat und die dann herrschende Witterung einen größeren Einfluss auf das Wachstum habe als die verwendete Samensorte.“[4]
Wie MÄRZ [5] in seiner empirischen Regionalstudie darlegt, ergingen für die Flachsanbauversuche „begleitende Instruktionen, die darlegten, wie der Flachs für einen optimalen Saatgut-Ertrag zu behandeln sei:
„Instruction mit dem Flachs umzugehen um den Lein Saamen zu conservieren, ohne dem Flachse Schaden zu thun.
Der Lein Saamen wird Anfangs Aprilis und nach Beschaffenheit der Witterung, auch später gesäet, wenn er reif und ausgegangen, wird er wie die Gersten in Schraden doch etwas dünner auf dem Aker gebreitet, und wenn er auf einer Seiten trokken, mit einer Stangen umgewendet, wenn er nun auf der andern Seite auch trokken, wird er aufgebunden, eingefahren und hingelegt, dan wird er mit zwey Kopf Enden gegen einander auf die Dehlen gelegt, und mit Weiden, die jedennoch ganz platt sind, damit die Knospen desto beßer können zerschlagen werden, geklopfet.
Dann wird der Flachs in kleine Bunde Kopf und Steert Ende gegen einander mit zwey Seilen gebunden, und in das Waßer, welches aber nicht sehr sumpfigt, oder morastig seyn muß, gebracht, also daß der Flachs auf dem Waßer, wie eine Ente schwimmet um das Flachs im Waßer wird ein Seil gemacht, damit er nicht vom Waßer weggetrieben werde, so lange der Flachs nun im Waßer ist, wird er alle Abend umgewendet mit einer Stangen woran eine Keukke und ein Hatzen, wenn er genug gerottet, wird er wieder aus dem Waßer gebracht, und auf dem Akker aus Gras oder Stoppel ausgebreitet, und wenn er auf der einen Seite genug gebleicht oder Riße genug hat, umgewendet, und auf der andern Seite auch zu bleichen, und die Riße zu bekommen, hernach wird er aufgebunden, eingefahren.“
Die Leinensaathändler kauften Anfang bis Mitte Mai ihre Ware ein und „setzten sie unmittelbar an die Landwirte ab, die mit der Einsaat Ende Mai begannen und ungefähr Ende September die Ernte einfuhren.“[6]
Wie MÄRZ [7] weiter ausführt, dass „die zum Teil erheblichen Preisschwankungen, die auf die allgemeine Nachfrageentwicklung, direkte Marktmanipulationen oder auf natürliche Ernteschwankungen im Weserdistrikt und in den Importregionen zurückzuführen sind“, seitens der Kammerverwaltung mehrfach den Wunsch auslösten, „Qualität, Preis und Angebot des Saatgutes staatlich zentral zu steuern.“
Nach TACKE [1] waren die staatlich gelieferten baltischen Leinsaatsorten „Libausche“ und „Rigasche” für die klimatischen Verhältnisse des Weserdistriktes besonders gut geeignet.
Durch die rasche „Flachsmüdigkeit“ des zum Leinanbau genutzten Ackerbodens (u. a. auch durch Nematodenbefall) war ein jährlicher Fruchtwechsel erforderlich.
Die Aussaat auf den ausgesuchten, eigenen oder gepachteten Feldern erfolgte regional unterschiedlich, in der Regel aber am 100. Tag des Jahres (10. April) resp. im Mai, die überwiegend von Frauen durchgeführte Flachsernte („Flachsraufen“) Ende Juli bis Anfang August.
Anbau von Flachs
Wie MÄRZ [8] in seiner empirischen Regionalstudie darlegt, produzierten die Bewohner des Weserdistrikts „die für die Leinenherstellung notwendigen Rohstoffe und Vorprodukte entweder selbst oder führten sie aus dem nordeuropäischen sowie regionalen Umfeld ein.
Sie verspannen den in den Feldmarken angebauten Flachs zu Garn, das sie dann zu Leinenstoffen verwebten.
In Abhängigkeit von der Flachsernte, dem Eigenbedarf sowie der Marktsituation in anderen Landesteilen, benachbarten Territorien und dem europäischen Ausland gelangte nur ein geringer Teil der Garnproduktion in den Export.
Nach MÄRZ [9] betrug die Anbaufläche für Flachs im Weserdistrikt 5-15 % der Gesamtfläche.
Die Anbaufläche für Flachs betrug
im Amt/Gericht Allersheim in den Jahren 1749-1751 [10]
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durchschnittliche Einsaat je Jahr 53 Himpten
-
Anbaufläche bei 2,8 Himpten je br. Morgen 18,9
- Flächenanteil Flachsanbau 1,0 %t
in Heinade im Amt Wickensen 1769 [11]
-
56,6 Einsaat Himten
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Anbaufläche bei 2,8 Himpten je br. Morgen 20,2
-
Flächenanteil Flachsanbau 2,4 %
Der Flachsanbau in einem latent begrenzten Flurraum ging zur Mitte der 18. Jahrhunderts auf Kosten des Getreidebaus.
Zudem konnte der Anbau von Flachs nicht unbegrenzt ausgedehnt werden, da er den Boden stark beanspruchte.
Nach MÄRZ [12] setzte sich der Flachsanbau „auf den Brachfeldern durch und hatte negative Auswirkungen auf den Ertrag der im Rahmen des Feldwechsels folgenden Getreidepflanze“.
„Dieses [der Flachsanbau, [Anm. MÄRZ] ist, wie an allen Orten des Amts Wickensen derer Leute Hauptsachen mit, aber dabey eine Gewohnheit, welche meines behalts nicht gut gethan ist, nemlich, daß das Flachs in der brach gesäet wird.
Mann kann an dem darauf hernach gesäeten Rocken sogleich den unterschied bemercken, wo Flachs gestanden, oder welches gäntzlich brach liegen blieben. Es ginge noch an, wenn sogleich Hürden Schlag [Viehweide, Anm. MÄRZ] vor der Rocken Saat gemachet würde, da aber an den meisten Orten dergleichen nicht zu haben, der bauer auch von seiner alten Gewohnheit und praejudicio nicht abgehet, so wird solches wohl ein jiure desiderium bleiben.“[13]
Pro Morgen Ackerland betrug eine Durchschnittsernte etwa 75 Bunde.
Nach BUSSE [2] lag der Flachsertrag von 1 ha (10.000 m²) Anbaufläche bei etwa 9.500 kg Strohflachs mit Samen.
Hieraus konnten durch Spinnen 180 kg (1,9 %) bzw. 311 kg Werggarn (3,3 %) und 518 kg Flachsgarn (5,4 %) gewonnen werden.
2.090 kg Samenkapseln ergaben etwa 1.000 kg Leinsamen (48 %), aus denen durch Pressen und Extrahieren ca. 300 kg Leinöl (14 %) erzeugt werden konnten.
Der Zeitaufwand zur stufenweisen Herstellung verspinnbarer Fasern aus dem Flachs und die Produktion verkaufsfertiger Leinwand waren recht groß und die Arbeit sehr mühsam.
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[1] TACKE 1943, S. 87.
[2] BUSSE 2002, S. 5.
[3] ANDERS 2004, S. 260; MÄRZ/ZELL 2004, S. 85; BUSSE 2002, S. 15.
[4] MÄRZ 2016, S. 344.
[5] MÄRZ 2016, S. 344-345.
[6] MÄRZ 2016, S. 345.
[7] MÄRZ 2016, S. 346.
[8] MÄRZ 2016, S. 341.
[9] MÄRZ 2016, S. 342, Tab. 35.
[10] MÄRZ 2016, S. 343, Tab. 36.
[11] MÄRZ 2016, S. 341.
[12] MÄRZ 2016, S. 327-328.
[13] zit. bei MÄRZ 2016, S. 327-328 - NLA-WF 20 Alt, Nr. 369: Dorf-, Feld- und Wiesenbeschreibung von Tuchtfeld, 1761.