Glas der ägyptischen Hochkultur

Klaus A.E. Weber

 

Zentrum der ägyptischer Glaserzeugung

 

[26]

 

Ägyptische Keramikgefäße

Kunsthistorisches Museum Wien

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Altägyptische Werkstoffe

Varianten altägyptischer Werkstoffe zur künstlerischen Objektgestaltung im Zeitalter von Ramses II. - dem "Göttlichen Herrscher am Nil" [19] │ 1279-1213 v. Chr- - sind

 

Uschebti-Figuren │ Neues Reich und Spätzeit │ 1580-332 v. Chr.

brauner Sandstein, Fayence,

Badisches Landesmuseum Schloss Karlsruhe │ Inv.-Nr. 59/105

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Werkstoff Glas

Günstiger Weise bestanden in Unterägypten natürliche Lagerstätten (Seeufer des Wadi-El-Natrun) von Natron ⦋Natriumhydrogencarbonat (NaHCO3)⦌, das bei der Glasgewinnung als Flussmittel eingesetzt werden konnte.

Zahlreiche Glasgefäße wurden im 1. Jahrtausend v. Chr. in der Levante - Syrien, Phoinikien - und in Assyrien erzeugt.

Exporte typischer halbkugeliger Schalen gelangten auch bis nach Ägypten.[1]

Wenngleich ähnliche Glasformen in kaum abweichender Qualität in zahlreichen Werkstätten des römischen Imperiums erzeugt werden konnten, so lagen die Glas produzierenden Zentren doch weiterhin auch in Syrien und Unterägypten aufgrund der vorzüglich geeigneten Sande und der natürlichen Lagerstätten von Natron ⦋Natriumhydrogencarbonat (NaHCO3)⦌, welches bei der Glasgewinnung als Flussmittel eingesetzt werden konnten.[13]

Glas als eigenständiges Material kam erst im Mittleren Reich (ca. 2040-1650 v. Chr.) in Ägypten zur Anwendung.

Zu den ältesten Objekten zählt ein goldener Skarabäus mit roter und blauer Glaseinlage (Namenskartusche: Pharao Sesostris, 12. Dynastie).[7]

Erst aus der Zeit des Neuen Reiches (18. Dynastie, etwa 1560 v. Chr.) sind Glasgefäße bekannt, kerngeformt hergestellt aus opakem Glas ("Sandkerntechnik").

Eine szenische Darstellung ägyptischer „Glasbläser“ im Alten Reich befindet sich in der monumentalen Mastaba (Grabbau) des Mereruka, Wesir unter Pharao Teti (2311-2281 v. Chr. - 6. Dynastie), in der altägyptischen Nekropole von Sakkara (Saqqara) am westlichen Nilufer.

 

Ägyptische Fayence (Egyptian faience)

Jahrhundertelang beschäftigten sich die Ägypter mit der Glasur von Keramikprodukten und der für Tonglasuren erforderlichen Rohstoffe.

Bereits vorgeschichtlich traten in Ägypten in vordynastischer Zeit - dem 4. Jahrtausend v. Chr. - mit Glasur überzogene Steatitgefäße (Specksteingefäße als Grabbeigaben) und Tonperlen auf.[6]

Während in jener Frühzeit geblasenes Hohlglas noch unbekannt war, konnten jedoch unter Verwendung von Metalloxiden vielfältig gefärbte Glasschmelzen erzeugt und zähflüssig als Paste in Formen gepresst werden.

Seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. wurden Perlen, Amulette und Statuetten aus Fayence, "einer Glasur über einem Träger aus sandigem Gemenge" gefertigt.[7]

Die ägyptische Glasfertigung erlangte etwa im Zeitraum 1900 bis 1600 v. Chr. eine Blütezeit.[25]

 

⊚ Zum Anklicken

Udjat-Auge │ Altes Ägypten │ um 1076–723 v. Chr.

Badisches Landesmuseum Schloss Karlsruhe │ Inv.-Nr. 59/105

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Die glasierte, 5 cm hohe, 5,9 cm breite und 0,8 cm tiefe Amulettform aus der Dritten Zwischenzeit zeigt in einem rechteckigen Rahmen ein nach rechts orientiertes Auge.

Das aus Fayence und Glasfluss in Ägypten hergestellte „Udjat-Auge“ bedeutet als Auge des Falkengottes Horus, der Schutzpatron der Pharaonen und Kinder: „heil, intakt, gesund sein“.

Es sichert dem Träger oder der Trägerin im Alltag Schutz, Stärke und Vollkommenheit zu.

 

Ägyptischer Schmuck │ Fayence und Glaspaste

Kunsthistorisches Museum Wien

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Altägyptischer Schmuck │ Ohr-, Perücken- und Fingerringe

Gold │ Jaspis │ mehrfarbiges Glas

18./19. Dynastie │ 15.-13. Jh. v. Chr.

Antikenmuseum Basel

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Altägyptischer Ohrschmuck │ mehrfarbige "Glasstöpsel"

Rosettenverzierung │ 18./19. Dynastie

Mitte 14. Jh. - Mitte 13. Jh. v. Chr.

Glasmuseum Hentrich Museum Kunstpalast, Düsseldorf [12]

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

 

Das am westlichen Rand des Nildeltas gelegene Alexandria entwickelte sich in vorrömischer Zeit zum Zentrum der Glaserzeugung, da hier die Erfahrungen äyptischer, syrischer und assyrischer Glasmacher zusammengeführt werden konnten.

Neben qualitativ hochwertigen Glasgefäßen wurden hier auch die ersten Goldglasschalen hergestellt - wie auch die bekannten alexabdrischen Mosaikgläser.[22]

 

Kerngeformte und formgeschmolzene Gläser

 

Glaskrug │ Korb aus Binsen oder Schilf

Ägypten, al-Fayyūm │ 50-150 n. Chr.

Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Pokal Ägypten │ 4.-5. Jh. n. Chr.

Glasmuseum Hentrich Museum Kunstpalast, Düsseldorf

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Kunstwerke mit Glas

 

Nofretete │ 18. Dynastie

Glastechnik zur Zeit der Königin Nofretete (Neferet-iti)

Ein Zwischenprodukt bei der Herstellung von Glas war die Glasfritte.

Als direkter Rohstoff für die Glasschmelze wurde sie auf Holzfeuer in kleineren, muldenförmigen Tonpfannen (Schmelztiegel) erzeugt.

Glastechnik zur Zeit der Nofretete, der „Großen königlichen Gemahlin“ des Pharaos Echnaton (Amenophis IV., 18. Dynastie) im Neuen Reich von Ägypten ⎸14. Jh. v. Chr.:

  • Kugelperlen aus Glas

 

Tutanchamun │ 18. Dynastie

Als Sohn von Echnaton (Amenophis IV., 1351-1334) bestieg Tutanchamun (auch Tutenchamun; ursprünglich Tutanchaton) um 1332 v. Chr. mit neun Jahren als einer der letzten Könige der 18. Dynastie den Thron und regierte bis 1323 v. Chr.

Im "Tal der Könige" konten aus dem Grab (KV62) des altägyptischen Pharaos zahlreiche Kunstwerke mit Glaseinlagen geborgen werden:[2]

  • Ptah

  • Binsenbehälter

  • Pantherkopf

  • Ohrringe

  • Spiegelkasten

  • Doppelgefäß

  • Geier-Brustkragen

  • Mond- und Falken-Pektoral

  • Eingeweidesarg

  • Krummstab und Königszepter

  • Armband

  • Halsschmuck

  • Goldmaske

 

„Gläserne Kissen“ des Tutanchamun

Zu den spektakulären Funden aus dem Grab des altägyptischen Pharaos Tutanchamun gehören im Ägyptischen Museum Kairo zwei gläserne Kopfstützen, die nach ECKMANN [24] „allein aufgrund ihrer Größe zweifellos zu den prominentesten Glasobjekten der späten Bronzezeit zählen“.

 

Farbloses Glas

Nach ECKMANN [24] gelang es auch, farbloses, durchsichtiges Glas nachzuweisen, wahrscheinlich unter Zusatz von Manganoxid (Braunstein).

 

Erste datierbare Glasgefäße im Neuen Reich │ 18. Dynastie

In Ägypten entstanden um 1450 v. Chr. unter Thutmosis III. (um 1486-1425) im Neuen Reich, 18. Dynastie, erste datierbare, opake Glasgefäße.

Mehrfarbige Glasgefäße (Buntglas) mit typischem Girlandenmuster in der Dekoration konnten aus Gräbern im nördlichen Saqqara (Nekropole Sakkara) um 1430 v. Chr. (Neues Reich, 18. Dynastie) geborgen werden.[5]

 

Glasgefäß um 1340 v. Chr. in el-Amarna

Kerngeformtes, polychromes Glasgefäß in Form eines Fisches (»'bulti'-fish«) aus el-Amarna - altägyptischer König Amenophis III., 18. Dynastie [3][4]

 

Weitere Gefäße des ägyptischen Glashandwerks [18]

  • Linsenflasche │ Neues Reich (1539-1077 v. Chr.)
  • Krateriskos │ 18. Dynastie (1539-1292 v. Chr.)
  • Granatapfelgefäss (drei Gruppen) │ 18./19. Dynastie (1539-1191 v. Chr.)
  • Glasstäbe - als Halbfabrikate mit rundem und quadratischem Querschnitt │ 2. Hälfte 2. Jahrtausend v. Chr.

 

Ägyptisches Mosaikglas

 

Fragmente ägyptischer Mosaikgläser │ 1. Jh. v. Chr.- 1. Jh. n. Chr.

Mosaikglas mit Was-Szepter [10]

Mosaikglas mit Falkenkopf (Horus?)

Antikenmuseum Basel

© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

Fragmente von Glasmosaiken "opus sectile"

Ägyptischer Wandschmuck │ 4. Jh. n. Chr.

Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

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[1] EINE WELT AUS GLAS - Buchbesprechung zu Christiane Herb und Nina Willburger, Glas. Von den Anfängen bis ins Frühe Mittelalter. In: Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 80 / IX / 2016.

[2] MUSEUM FÜR KUNST UND GEWERBE 1981, S. 62 (3), 74 (9), 80 (13), 90 (18), 92 (19), 100-102 (23), 132 (36), 144 (42), 146 (43), 150 (45), 154 (47), 155 (48), 158 (50), 161 (52), 162 (53).

[3] MALEK 2003, S. 189.

[4] The Trustees of the British Museum, Number EA55193.

[5] MALEK 2003, S. 146.

[6] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 29-32.

[7] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 29.

[8] nach MALEK 2003, S.358-365.

[9] WIESE 2001.

[10] altägyptisches Symbol in Form eines Stabes - vor allem Macht- oder Glückszeichen.

[12] RICKE 1995, S. 16 (1).

[13] RICKE 1995, S. 20.

[14] STRELOCKE 1976, S. 10-91.

[15] STRELOCKE 1976, S. 314-315.

[16] MALEK 2003, S.220-221.

[17] BADISCHES LANDESMUSEUM KARLSRUHE 2016, S. 15.

[18] BADISCHES LANDESMUSEUM KARLSRUHE 2016, S. 325 Abb. 186-187, 326 Abb. 188-189.

[19] Katalog zur Ausstellung "Ramses. Göttlicher Herrscher am Nil" 17. Dezember 2016 - 18. Juni 2017. BADISCHES LANDESMUSEUM KARLSRUHE 2016.

[20] Vergleiche: BADISCHES LANDESMUSEUM KARLSRUHE 2016, S. 210-211 Abb. 88-90.

[21] Präsentation der Berliner Künstlerin Isa Genzken: "Nofretete - Das Original, 2010/12". Büste mit greller Bemalung und Sonnenbrille; ohne Vitrine. Ausstellung "Ikonen. Was wir Menschen anbeten". Kunsthalle Bremen. 19.10.2019 - 01.03.2020.

[22] TSCHIRR 2009, S. 20.

[23] BALDAMUS/SCHWABE 1909: Die Alte Welt, westl. Teil, Abb. 2b.

[24] Christian Eckmann, Römisch-Germanisches Zentralmuseum Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie, Mainz │Vortrag am 23. November 2021 │ Museum für Archäologie Schloss Gottorf: Fit for a King │ Tutanchamuns "gläserne" Kissen, "himmlisches" Eisen und Bilder königlicher Macht.

[25] SÜSSMUTH (1950), S. 16.

[26] Kartenausschnitt aus SIEGLIN 1903, S. 4.