Werrakeramik und Glashütten im frühen 17. Jahrhundert

Klaus A.E. Weber

 

Werrakeramik der Waldglashütte "Oberes Hellental" im Solling

Auf der bislang nur orientierend untersuchten Abfallhalde der frühneuzeitlichen Glashütte im oberen Hellental traten mehrere Fragmente mit Ritzdekore der Werrakeramik zu Tage, die der dortigen Geschirrkeramik des Hüttenmeisters Hans Trebing zugeordnet werden kann.

Die scheibengedrehte, dekorativ bemalte und innen bleiglasierte Keramik wurde in den Jahrzehnten um 1600 hergestellt und gelangte am ehesten durch den Fernhandel mit keramischen Erzeugnissen zum wohlhabenden Betreiber der abgelegenen Glashütte im Solling.

Die Relikte hochwertiger Teller oder Schüsseln zeigen unterschiedliche ikonografische Hauptmotive, wobei ein gut erhaltenes Spiegelfragment mit dem Zentralmotiv eines Renaissancetracht tragenden Mannes besonders hervorsticht.

 

Frühneuzeitliche Bodenfunde

Materielle Hinterlassenschaft aus dem Besitzstand von Glasmacherfamilien des Glashüttenplatzes „Oberes Hellental" im Solling:

Fragmente scheibengedrehter Werraware (Mahlhornware) mit Spiegelmotiven, gestaltet durch Einritzen der Konturen und vermutlich mit einem Pinsel ausgeführter Schlickermalerei

 

∎ Spiegelmotiv: Mann in zeitgenössischer Tracht mit Stangen- oder Passglas in der rechten Hand (?)

Waldglashütte "Oberes Hellental" │ 1. Drittel 17. Jahrhundert

© Historisches Museum Hellental, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Bei der Interpretation dieses Zentralmotivs darf angenommen werden, dass es sich um einen festlich gewandeten Mann in der Zeit um 1611 handeln dürfte, in dessen rechten Hand sich ein Passglas befindet.[1]

 

∎ Spiegelmotiv: Person mit Schwanzflosse eines Fisches

Waldglashütte "Oberes Hellental" │ 1. Drittel 17. Jahrhundert

© Historisches Museum Hellental, Foto: Klaus A.E. Weber

 

∎ Spiegelmotiv: Mann in zeitgenössischer Tracht mit Degen

Waldglashütte "Oberes Hellental" │ 1. Drittel 17. Jahrhundert

© Historisches Museum Hellental, Foto: Klaus A.E. Weber

 

∎ Spiegelmotiv: Personen in zeitgenössischer Tracht

Waldglashütte "Oberes Hellental" │ 1. Drittel 17. Jahrhundert

© Historisches Museum Hellental, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Zum zeitgenössischen Fundvergleich:

Werrakeramik der "Weinglashütte" 1607-1623 │ Westerwieda im Südharz

Im Waldgebiet des Stifts Walkenried konnten, neben zahlreichen Glaserzeugnissen, in dem Fundkomplex der "Weinglashütte" des frühen 17. Jahrhunderts (1607-1623) bei Wieda im Südharz auch Fragmente der bleiglasierten „Werraware“ mit Malhorndekor und Ritzzeichnung zugeordnet werden.[2][3]

Die frühneuzeitlichen Bodenfunde der meisterhaft bemalten Irdenware sind eine materielle Hinterlassenschaft aus dem Besitzstand von Glasmacherfamilien des Hüttenplatzes „Westerwieda“ - Teller, Schüssel, Schalen, kleine Töpfe.

Bei den katalogisierten Darstellungen nach REMPEL [2] kommen folgende Spiegelmotive zum Tragen:

  • Vogel: zwei Vögel rechts und links eines Baumes │ Vogel mit ausgebreiteten Flügeln und Glorienschein │ schreitender Vogel mit Blume │ schreitender Vogel auf einer Standfläche vor einem Baum │ stehender Vogel mit Blütenstängel │ Vogelkörper mit seitlichen Flügeln

  • Fabelwesen: Zentaur mit Reichsapfel? in der rechten Hand

  • Fisch: Fischwirbel-Fischdreipass

  • Löwe: Löwe in Angriffsstellung

  • Hase?

  • Frau: Frau in zeitgenössischer Tracht mit Passglas │ Frauenbüste im Profil mit Haarnetz und Kragen

  • Mann: Männerbüste │ Männerbüste „Türke mit Turban“ oder helmartige Kopfbedeckung mit Feder │ Mann in zeitgenössischer Tracht mit Stangenglas │ Mann in zeitgenössischer Tracht mit Passglas in der rechten Hand │ Oberkörper eines Mannes mit Kragen │ stehender Mann │ Mann mit Bart

  • Sündenfall: Baum der Erkenntnis mit Schlange, links Eva? │ Baum der Erkenntnis mit Schlangenkopf, rechts Adam

  • Weintraube auf einem Tragholz

  • Blühende Blumen, Pflanzendarstellungen, zumeist stilisierte Blütenpflanze: blühende Blume mit Blütenstängeln │ drei Blumenstängel, im Mittelpunkt Tulpe │ Blütenpflanze │ Standfläche mit einem Gefäß in der Mitte, gerahmt rechts und links von einer Blütenpflanze │ florales Motiv

  • Geometrisch aufgebautes Muster

 

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[1] vergl. STEPHAN 2022, S. 184-185 Abb. 177a,

[2] REMPEL 2011.

[3] PFEIFFER/REINBOTH/REMPEL 2019.