Grünliches mittelalterliches Kaliumglas

Klaus A.E. Weber

 

Vom Sodaglas zum Holzascheglas = Kaliumglas = Waldglas

Mitteleuropäische Kaliumgläser des Mittelalters - in der Literatur auch als „Holzascheglas“ oder „Waldglas“ bezeichnet – weisen einen hohen Flussmittelgehalt auf, wobei im Hochmittelalter auch Bleioxid als Flussmittel eine entscheidende Rolle für die Stabilität und den Glanz sakraler romanischer Farbgläser spielte.

Hierbei wird "Waldglas" gemeinhin als eine eigene historische Epoche der Glasherstellung vom Mittelalter bis zur frühen Neuzeit bezeichnet, da es bei den in regionalen Hütten hergestellte Glaserzeugnisse dominiert.

Aufgrund eines Technologietransfers oder einer autochthonen Neuentwicklung vollzog sich in der Karolingerzeit, während des 8./9. Jahrhunderts, ein technologischer Wandel mit eigenständiger Glasgestaltung in Europa [12]:

Mediterranes Glas = Sodaglas

  • in antiker Tradition aus Natriumcarbonat (Soda), wie in Italien (Venedig-Murano) - Schmelztemperatur des Gemenges mit Flussmittel: etwa 1.000° C

Transalpines Glas = Kaliumglas

  • in mittelalterlicher Tradition aus Kaliumcarbonat (Pottasche) in Waldglashütten - Schmelztemperatur des Gemenges mit Flussmittel: etwa 1.200° C → um 200° C höhere Ofentemperatur → erforderte "resistentere Materialien für Häfen und Öfen"[14]

Während die aus Soda hergestellten mediterranen Natrongläser, die, wie Natriumgläser der römischen Epoche, über eine hohe chemische Beständigkeit verfügen, sind die aus Holzasche erzeugten transalpinen Kaliumgläser extrem feuchte- und schadstoffempfindlich.[8]

Es bestehen „eindeutige Anhaltspunkte für die Fertigung oder Verarbeitung von Kaliumglas aus der Königspfalz in Paderborn (um 780/800) und dem Reichskloster Corvey (ab etwa 822)“.[13]

 

Mittelalterlicher Rippenbecher [9]

konserviert und rekonstruiert aus zersetztem Holzascheglas

Stadtwüstung Nienover │ um 1200 [10][11]

 

Transalpines Holzascheglas

Mittelalterliche Holzasche-Gläser weisen im Vergleich zu den Glasprodukten der römischen Antike hohe Anteile an Kalium-Ionen auf, die der Glasmasse zur Absenkung der Produktionstemperaturen in Form von Buchenholzasche zugefügt wurden.“[6]

Dem DBU-Forschungsbericht zum transdisziplinäres "Waldglasprojekt" 2014 – 2018 [1] zufolge, ist die mit einem Wissens- und Technologietransfer verbundene Herstellung von Kaliumglas kaum vorstellbar, „ohne weiträumige Verbindungen der christlichen fränkisch-sächsischen Eliten“.

Hierzu ist dem DBU-Forschungsbericht [8] zusammenfassend zu entnehmen:

Einen Umbruch brachte für Europa die Störung traditioneller Handels- und Austausch-beziehungen im Mittelmeerraum und dem Atlantik in Folge der militärischen Expansion des Islam im 7./8. Jahrhundert.

Hinzu kam, hervorgerufen durch Klimaeinbrüche, Hungersnöte und politische Turbulenzen, eine Verknappung von natürlicher ägyptischer Soda, die zur Umstellung auf Kaliumgläser in allen Regionen unter der Herrschaft der Muslime führte.

Die traditionelle Versorgung mit Rohglas und Rohstoffen aus dem Vorderen Orient und Ägypten wurde seit spätestens etwa 800 in Europa zunehmend schwierig.

Deshalb sah man sich im Frankenreich Karls des Großen, dessen Eliten großen Wert auf kostbare Gläser für die sakralen (Groß-) Bauten und Königspfalzen, vermutlich auch für die repräsentativen Wohn-gebäude des Adels legten, vor erhebliche Versorgungsprobleme und neue Aufgaben gestellt.

Offenbar gelang aber kurzfristig die Umstellung auf neue Rezepturen mit einheimischen Rohstoffen, bei denen der Buchenholzasche als alkalireichem Naturstoff eine besondere Stellung als Sodaersatz zukam.

Die daraus gefertigten Holzaschegläser entstanden wahrscheinlich in den experimentierfreudigen und höchst leistungsfähigen Offizinen der Blütezeit der fränkischen Hofkultur unter Karl dem Großen und seinem adligen Umfeld, insbesondere aber wohl im Kontext der Reichskirche innerhalb einer vergleichsweise kurzen Zeitspanne um das Jahr 800.

Damit war das abendländische Holzascheglas geboren, das die Grundlage der nordalpinen europäischen Glaskultur bis in die Neuzeit werden sollte.“

Das eher einfache mittelalterliche Holzascheglas war als Kaliumglas das Schmelzprodukt eines Gemenges aus drei natürlichen Hauptbestandteilen, die sehr hohe Schmelztemperaturen erforderten:

  • Glasbildner - Silikate: Quarz/Glassand

  • Flussmittel - Holzasche, vornehmlich aus Rotbuchenstammholz (Fagus sylvatica L.)

  • Flussmittel - Blei: Bleioxid

  • Stabilisator - Kalk: Calcium.

Lag die für die Herstellung der Fritte (Vorprodukt) bei Kaliumgläsern benötigten Schmelztemperaturen im Bereich von etwa 900-1100° C, so war für die Fertigung des Endproduktes die höhere Schmelztemperatur von etwa 1150-1300° C notwendig.[2][5]

Die neue Rezeptur des Holzasche-Glases machte führte nun zur Verlagerung der primären Glasschmelze in waldreiche Regionen [4], wie in den Solling.

Zum Erschmelzen des Holzascheglases aus diesem Gemenge mussten die Glashäfen notwendigerweise hochwertig sein, indem sie eine besonders hohe Hitzebeständigkeit bzw. Feuerfestigkeit besaßen.

Die Komponenten wurden im Spätmittelalter nach einer streng geheim gehaltenen Holzasche- und später dominierend in der frühen Neuzeit Holzasche-Kalk-Rezeptur des Glashüttenmeisters in einem Gemenge zusammengefügt

  • Holzasche-Gläser │ korrosionsanfällig

  • Holzasche-Kalk-Gläser │ zunehmende Herstellung etwa ab 1400 [15] │ korrosionsbeständiger, hochwertiger

Der Glasschmelze hinzugefügte Metalloxide

sowie Sauerstoff färbten die Glasprodukte entweder blau, rot, violett oder milchig trüb.

Im Solling bestanden „hochwertige Lagerstätten von hellem tertiärem Glasmachersand“ [7], so die Quarzsandgrube in der „Sandwäsche“ am Langenberg bei Neuhaus.

Fragmente von Bleiglashäfen des 12./13. Jahrhunderts sichern für den Solling die Herstellung von Bleigläsern

  • Holzasche-Blei-Gläser

Im 12./13. Jahrhundert zählten Bleigläser ohnehin zu den kennzeichnenden Glashüttenerzeugnissen des Oberweserraumes.

In der Tendenz eher dickwandig ausgeformtes mittelalterliches Waldglas bestand meist nur aus jeweils vor Ort vorgefundenem Sand und Holzasche.

Als einfaches hochempfindliches Holzasche-Glas mit relativ hohem Ascheanteil (kaliumreich) war es von uneinheitlicher, oft auch von minderer Qualität, was letztlich auch zu einem schlechten, wenn überhaupt noch gegebenem korrodierten Erhaltungszustand im meist sauren Boden führte – wie in der Solling-Region.

Zeittypisches Waldglas besaß eine charakterisierende Grünfärbung, da Quarzsand und andere Rohstoffe stets durch Eisenanteile verunreinigt waren.[3]

Überhaupt verursachten Verunreinigungen der Glasrohmasse durch mineralische Komponenten in den Rohstoffen eine grünliche oder gelbliche bis hin auch leicht bräunliche Färbung des Glasendproduktes, die durch Metalloxydbeigaben zudem noch verstärkt werden konnten.

Diese Glastönung sowie kleinste Einschlüsse und Bläschen gaben jenen Gläsern ein typisches Aussehen.

 

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[1] DBU 2018, S. 51.

[2] DBU 2018, S. 53.

[3] KOCH 2011, S. 16-21.

[4] DBU 2018, S. 62.

[5] DBU 2018, S. 115.

[6] DBU 2018, S. 194-195.

[7] STEPHAN/MYSZKA/WILKE 2018, S. 307.

[8] DBU 2018, S. 9.

[9] KÖNIG 2009, S. 188-189.,

[10] Abb. aus KÖNIG 2009, Tafel 94 – Rippenbecher, Bef. 535, FNr. 2956, Höhe ca. 18,0 cm sowie auch Tafel 64, 65.

[11] DBU 2018, S. 20 Abb. 10.

[12] DBU 2018, S. 21.

[13] DBU 2018, S. 26.

[14] JENISCH/RÖBER/SCHESCHKEWITZ 2022, S. 14.

[15] STEPHAN 2022b, S. 62.