Territorialherrschaften und adlige Herrschaftsträger

Klaus A.E. Weber

 

Die Herrschaftsverhältnisse über den Solling sind diffizil und differenziert zu beurteilen.[4]

Sie verliefen kompliziert und die Rechts- und Machtverhältnisse blieben unklar [1], was auch im Hinblick auf die hoch- bis spätmittelalterlichen Waldglashütten im Umfeld des Hellentals gilt.

Während es im Solling wahrscheinlich zunächst keine feste Grenze gab, so spielte im Spätmittelalter der tertiäre „Hellentaler Graben“ eine Rolle bei den spätmittelalterlichen Territorial- und Amtsgrenzen.

Anfang des 12. Jahrhunderts begann der politische und territoriale Aufstieg der Grafen von Everstein und der Edelherrn von Homburg, zudem auch jener der benachbarten Northeimer Grafen und der Grafen von Dassel als geschichtsprägende dynastische Herrschaftsträger.

Zeichen ihrer Territorialherrschaft sind um 1100-1150 errichtete, stark befestigte, eher kleinräumige Burgen als Wohnsitze bedeutender Adelsfamilien.

Zu den im Mittelalter zahlreich entstandenen fürstlichen (adeligen) Territorialherrschaften zählten in unserem Betrachtungszusammenhang zuvörderst die Gebiete der

  • auf staufischer Seite stehenden Herrschaften Everstein mit den beiden Höhenburgen "Kleiner Everstein" und "Großer Everstein" - Niedergang durch den Aufstieg der Welfen; 1408 fielen die Eversteiner Lande an die Welfen,

  • auf welfischer Seite stehenden Herrschaften Homburg mit der Höhenburg „Hohenburg“ - um 1400 festgefügtes Territorium mit allen Merkmalen einer Landesherrschaft; 1409 Erwerb der Herrschaft durch die Welfen.[19]

Nicht zuletzt im Spiegel der Gegensätze und Konflikte zwischen Staufern und Welfen war das nachbarschaftliche Verhältnis der beiden lokalen Herrscherfamilien zeitweise sehr angespannt.

Vor dem regionalhistorischen Hintergrund, dass um 1200 resp. zu Beginn des 13. Jahrhunderts die Grafen von Dassel und Nienover ihre Herrschaft auch über den Solling ausübten - was die kultur- und wirtschaftsgeografische Lage der wüst gefallenen städtischen Siedlung Nienover als deren Haupt- und Residenzort belegt –, könnten mutmaßlich die Grafen wie andere Grundherren ihre Erlaubnis erteilt haben, im Sollingwald Glashütten errichten zu können.[6]

Nach STEPHAN waren Einwohner*innen der mittelalterlichen Stadtwüstung Nienover in den Höhenlagen des Sollings mutmaßlich an der Vermarktung der Erzeugnisse regionaler Glasmacher beteiligt.[3]

Dem DBU-Forschungsbericht [9] ist zu entnehmen, dass „hinsichtlich der Verwendung, aber auch für das frühe Wissen hinsichtlich des Werkstoffes Glas und den weiträumigen Technologietransfer“ sehr wahrscheinlich „die zahlreichen im frühen und hohen Mittelalter blühenden Klöster und Stifte des Weserlandes“ eine wichtige Rolle spielten, so beispielsweise die Reichsabteien Corvey und Helmarshausen der Benediktiner und das Zisterzienserkloster Amelungsborn.

 

Umgebung des Klosters Amelungsborn mit „Großem Everstein“ und „Kleinem Everstein“

September 2022

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Klosteranlagen der Zisterzienser gelten als "Vorposten der Landesherrschaft auf unsicherem Terrain".[7]

Um 1129 gestiftet, wurde 1135 auf dem Odfeld bei Stadtoldendorf das neue Zisterzienserkloster Amelungsborn ordensrechtlich gegründet, das topografisch etwa in der Mitte zwischen den vom Kloster aus sichtbaren Hauptburgen der rivalisierenden Familien der Grafen von Eberstein und der Edelherren von Homburg lag.

Nach GÖHMANN [10] lag das Kloster zwar auf homburgischem Gebiet, jedoch unmittelbar an der Grenze zur Grafschaft Everstein.

Nimmt man Bezug auf HEUTGER [8], so verlief nach der Entwicklung fester Territorien zwischen den rivalisierenden Herrschaften die Grenze sogar "zwischen beiden Gebieten mitten durch den Klosterbezirk".

Es bestehen in der Fachliteratur "älteste Hinweise aus klösterlichem Milieu", so auch für das Kloster Amelungsborn.[10]

Ganz im Geiste asketischer bernhardinischer Frömmigkeit waren nach dem Generalkapitel von 1157 und 1182 bunte Glasfenster zunächst ausdrücklich verboten.

Wie MARX/OSTERMANN [1] darlegen, sei es im Vogler und im Solling „zu einer starken Ansiedlung von Glashütten auf Klostergrund“ gekommen.

Von deren Leistungsstärke zeugten qualitätsvolle Glasmalereien in der Klosterkirche“, von denen nur ein geringer Teil erhalten blieb.

Wie HEUTGER [9] ausführt, sollen sich um 1622 die Landstände darüber beschwert haben, dass das Kloster Amelungsborn von den Landdrosten gezwungen werde, Räume zur Verfügung zu stellen, um minderwertige Münzen zu prägen.

Doch kann es sich hier nicht um Räume im Kloster selbst handeln, sondern nur um eine dem Kloster zugehörige, 1601 gegründete, verschwiegen liegende Glashütte am Vogler, wo man auch die nötige Holzkohle gleich gewinnen konnte, oder allenfalls um den Amlungsborner Hof in Stadtoldendorf.“

Die Formulierung „um eine dem Kloster zugehörige Glashütte“ unterstreicht die hier entwickelte These, dass das Kloster Amelungsborn eigene Klosterhütten in abgelegenen Waldgebieten betrieb - in diesem Falle am Vogler zu Beginn des 17. Jahrhunderts.

Die topografische Lage in Verbindung mit den zisterzienischen Bestrebungen zur Urbarmachung des Waldes legt auch einen Zusammenhang nahe zwischen

und dem nahe gelegenen Kloster Amelungsborn, das eine ökonomische Einheit mit beträchtlicher Verantwortung darstellte.[10][38]

Neben den landwirtschaftlichen Gütern und Nutzungen hatte das Kloster einen ausgedehnten Waldbesitz in nächster Nähe, alles einst Eversteinsches Gut.“[2]

Auch bei dem Zisterzienserkloster Amelungsborn wird durch dessen geistliche Grundherrschaft besonders deutlich, „wie nach dem Erwerb der Grundherrschaft in den Klosterdörfern die Bauern verjagt („gelegt“) wurden, um ihre Ländereien zu Klostervorwerken zusammenzulegen, unter Auflassung der Ortslagen“.[12]

Das Kloster Amelungsborn hatte seit dem 13. Jahrhundert in seinem Streubesitz auch Waldbesitz in Klosterforsten am nördlichen Sollingrand - mit Grundbesitz/Grundrechten im Umfeld von Heinade, Merxhausen und Holzberg.[22][23][35]

Dabei gilt es auch, auf die Grenzen der Klosterherrschaft Amelungsborn in der Frühen Neuzeit hinzuweisen.[35]

"Ungefer umb das jar Christi 1283" gab es nach LETZNER unter den handwerklich tätigen "Leien bruder" des "Fürstlichen Stiffts Und Closters Amelüngsborn" auch fleißig arbeitende "kunstliche glaser" [14] - wahrscheinlich im Rahmen einer größeren klösterlichen Baumaßmahme bei den "vornehmsten Gebäude".[11]

 

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

In wahrscheinlich verlorenen gegangenen Kirchenfenstern sei, neben den beiden Wappen von "Albrechts des fetten, h: zu Brunschweig und Lunenborg und herr zu Gottinge, welchs gemhalin war Rixa Vn Wenden" die "Ebersteinischen und Homborgischen Wape zu sehen" gewesen.[13]

Um 1750 befanden sich noch Glasgemälde [2]

  • im großen Ostfenster

  • in einigen Fenstern der Chorseitenschiffe

  • im nördlichen Querschiff.

 

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[1] KÜNTZEL 2010; STEPHAN 2010, S. 33; MARX/OSTERMANN 2021, S. 122.

[2] STEINACKER 1907.

[3] MICHELS 2006.

[4] STEPHAN 2010, S. 133-143, 514; LEIBER 2011.

⦋5⦌ GÖHMANN 1991, S. 14.

[6] STEPHAN/TRÖLLER-REIMER 2004, S. 46-48; STEPHAN 2007, S. 34-38; KÖNIG 2009, S. 188-191, 270-271; STEPHAN 2010, S. 260-263.

[7] OEHLEN 2017.

[8] HEUTGER 1968, S. 70-72.

[9] DBU 2018, S. 24.

[10] HEUTGER 1968, S. 12-24.

[11] KÖNIG 2009, S. 188-189.

[12] JARCK/SCHILDT 2000, S. 297.

[13] GÖHMANN 1991, S. 17-18.

[14] vermutlich Fensterglaser, aber auch (Roh-)Glasverarbeitende.

[18] ln KOCH/KÖNIG/STREICH 2015, S. 138-139.

[19] STREICH 1996, S. 15, 46-47, 137.

[22] GÖHMANN 1982, S. 109-110 (Nr. 39).

[23] GÖHMANN 1982, S. 120, 122 - im 16. Jahrhundert: Gerechtsame 1580 Heinade: einige Morgen Land und Wiesen; im 17. Jahrhundert: Gerechtsame 1675 Heinade: eingige Morgen Besitz von Land und Wiese.

[35] LILGE 2000, S. 13-24.

[38] GÖHMANN 1982, S. 50, 109-115.