Herrschaftliches Umfeld und Klosterhütten

Klaus A.E. Weber

 

Zu den im Mittelalter zahlreich entstandenen Territorien der Adligen zählten auch die Gebiete der

  • auf staufischer Seite stehenden Herrschaften Everstein - mit den Höhenburgen "Kleiner Everstein" und "Großer Everstein"

  • auf welfischer Seite stehenden Herrschaften Homburg - mit der Höhenburg „Hohenburg“.

Das nachbarschaftliche Verhältnis der beiden Herrscherfamilien war zeitweise sehr angespannt.

 

Im gotischen Chor der Klosterkirche zu Amelungsborn

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Folgt man STEPHAN ⦋3⦌, so wurden die auf der Westseite des Hellentals angelegten Waldglashütten wahrscheinlich vorwiegend um 1170–1300 betrieben.

Möglicherweise ging die Initiative zur Anlage jener mittelalterlichen Waldglashütten primär von den im 12.-13. Jahrhundert in Sichtweite residierenden Eversteiner Grafen aus.

Grundsätzlich können hier aber auch Glashüttenstandorte der nahe gelegenen Mittelgebirge Vogler und Homburgwald in Betracht gezogen werden.

Unter dem Aspekt zeittypischer Errichtung klösterlicher Glashütten (Klosterhütten) ist eine mögliche Verknüpfung mit dem Kloster Amelungsborn zu diskutieren.

Ohnehin zeichneten sich im Mittelalter die eigenbetrieblichen Klöster der Zisterziensermönche wirtschaftlich als frühkapitalistische Unternehmen mit einer bemerkenswertem Diversifikation aus.

Das Anlegen und Betreiben von Waldglashütten diente auch der Rodung von Waldgebieten, um beispielsweise Grenzen zu markieren..

Im Weserbergland liegt der Höhepunkt mittelalterlicher Rodungen nach STEPHAN [15] in den Jahrzehnten um 1200-1350.

So rodete nach 1200 das Kloster Amelungsborn im Rahmen seiner den Besitz erweiternden Kultivierungsarbeiten auch im Solling; noch1308 sei das Kloster mit dem Roden von Wäldern beschäftigt gewesen.[6]

Bereits 1977 ging BLOSS [16] der Frage nach, ob Klöster, so wie Amelungsborn, „als Keimzellen“ seinerzeit erfasster weltlicher Glashütten anzusehen seien.

Es fehlten ihm jedoch Publikationen, die „Hinweise auf klösterliche Beziehungen zu frühen südniedersächsischen Glashütten“ ergaben.

Ergänzend schrieb BLOSS [17], es sei „nicht auszuschließen, daß da und dort eine Glashütte auf klösterliche Anregung oder klösterliche Rechnung betrieben wurde.

Die älteste Glashütte im Hils und das 1129 gegründete Kloster Amelungsborn kommen sich zeitlich und örtlich recht nahe.“

Er merkt an, dass 1556 in einer Grenzbeschreibung des Klosters Amelungsborn die Forstgrenze des Klosters wie folgt führte: „der Schnedezug …uber die Egge des Berges [Voglerkamm] nach der Köppen bis an den Glesner Stich in der Lutken Holle und ist dar ein Weg der kompt von den neuwen erbauten Dorf Holenberck“.[9]

Bereits 1171 hatten Zisterziensermönche aus dem Kloster Amelungsborn in dem südöstlich gelegenen Althof das erste Kloster in Mecklenburg gegründet.

In Mecklenburg lag die älteste klösterliche Glashütte bei Doberan, die bereits im 13. Jahrhundert erwähnt wurde.[4]

Danach war die technische Möglichkeit mittelalterlicher Glasherstellung bei Zisterziensermönche wohl hinreichend ausgereift bekannt.

 

Grafen von Everstein Kloster Amelungsborn Edelherren von Homburg

?

Waldglashütten im Hellental (Klosterhütten?)

um 1170–1300 ⦋3⦌

 

Vermutetes regionales Beziehungsumfeld

 

Umgebung des Klosters Amelungsborn mit „Großem Everstein“ und „Kleinem Everstein“

September 2022

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Klosteranlagen der Zisterzienser gelten als "Vorposten der Landesherrschaft auf unsicherem Terrain".[7]

Um 1129 gestiftet, wurde 1135 auf dem Odfeld bei Stadtoldendorf das neue Zisterzienserkloster Amelungsborn ordensrechtlich gegründet, das topografisch etwa in der Mitte zwischen den vom Kloster aus sichtbaren Hauptburgen der rivalisierenden Familien der Grafen von Eberstein und der Edelherren von Homburg lag.

Nach GÖHMANN [10] lag das Kloster zwar auf homburgischem Gebiet, jedoch unmittelbar an der Grenze zur Grafschaft Everstein.

Nimmt man Bezug auf HEUTGER [8], so verlief nach der Entwicklung fester Territorien zwischen den rivalisierenden Herrschaften die Grenze sogar "zwischen beiden Gebieten mitten durch den Klosterbezirk".

Es bestehen in der Fachliteratur "älteste Hinweise aus klösterlichem Milieu", so auch für das Kloster Amelungsborn.[10]

Ganz im Geiste asketischer bernhardinischer Frömmigkeit waren nach dem Generalkapitel von 1157 und 1182 bunte Glasfenster zunächst ausdrücklich verboten.

Wie MARX/OSTERMANN [1] darlegen, sei es im Vogler und im Solling „zu einer starken Ansiedlung von Glashütten auf Klostergrund“ gekommen.

Von deren Leistungsstärke zeugten qualitätsvolle Glasmalereien in der Klosterkirche“, von denen nur ein geringer Teil erhalten blieb.

Wie HEUTGER [9] ausführt, sollen sich um 1622 die Landstände darüber beschwert haben, dass das Kloster Amelungsborn von den Landdrosten gezwungen werde, Räume zur Verfügung zu stellen, um minderwertige Münzen zu prägen.

Doch kann es sich hier nicht um Räume im Kloster selbst handeln, sondern nur um eine dem Kloster zugehörige, 1601 gegründete, verschwiegen liegende Glashütte am Vogler, wo man auch die nötige Holzkohle gleich gewinnen konnte, oder allenfalls um den Amlungsborner Hof in Stadtoldendorf.“

Die Formulierung „um eine dem Kloster zugehörige Glashütte“ unterstreicht die hier entwickelte These, dass das Kloster Amelungsborn eigene Klosterhütten in abgelegenen Waldgebieten betrieb - in diesem Falle am Vogler zu Beginn des 17. Jahrhunderts.

Die topografische Lage in Verbindung mit den zisterzienischen Bestrebungen zur Urbarmachung des Waldes legt auch einen Zusammenhang nahe zwischen

und dem nahe gelegenen Kloster Amelungsborn, das eine ökonomische Einheit mit beträchtlicher Verantwortung darstellte.[10][38]

Neben den landwirtschaftlichen Gütern und Nutzungen hatte das Kloster einen ausgedehnten Waldbesitz in nächster Nähe, alles einst Eversteinsches Gut.“[2]

Auch bei dem Zisterzienserkloster Amelungsborn wird durch dessen geistliche Grundherrschaft besonders deutlich, „wie nach dem Erwerb der Grundherrschaft in den Klosterdörfern die Bauern verjagt („gelegt“) wurden, um ihre Ländereien zu Klostervorwerken zusammenzulegen, unter Auflassung der Ortslagen“.[12]

Das Kloster Amelungsborn hatte seit dem 13. Jahrhundert in seinem Streubesitz auch Waldbesitz in Klosterforsten am nördlichen Sollingrand - mit Grundbesitz/Grundrechten im Umfeld von Heinade, Merxhausen und Holzberg.[22][23][35]

Dabei gilt es auch, auf die Grenzen der Klosterherrschaft Amelungsborn in der Frühen Neuzeit hinzuweisen.[35]

"Ungefer umb das jar Christi 1283" gab es nach LETZNER unter den handwerklich tätigen "Leien bruder" des "Fürstlichen Stiffts Und Closters Amelüngsborn" auch fleißig arbeitende "kunstliche glaser" [14] - wahrscheinlich im Rahmen einer größeren klösterlichen Baumaßmahme bei den "vornehmsten Gebäude".[11]

 

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

In wahrscheinlich verlorenen gegangenen Kirchenfenstern sei, neben den beiden Wappen von "Albrechts des fetten, h: zu Brunschweig und Lunenborg und herr zu Gottinge, welchs gemhalin war Rixa Vn Wenden" die "Ebersteinischen und Homborgischen Wape zu sehen" gewesen.[13]

Um 1750 befanden sich noch Glasgemälde [2]

  • im großen Ostfenster

  • in einigen Fenstern der Chorseitenschiffe

  • im nördlichen Querschiff.

 

____________________________________________

[1] MARX/OSTERMANN 2021, S. 122.

[2] STEINACKER 1907.

⦋3⦌ STEPHAN 2020, S. 135.

[4] BLÜBAUM/FISCHER 2011, S. 29

⦋5⦌ GÖHMANN 1991, S. 14.

[6] HEUTGER 1968, S. 52-53.

[7] OEHLEN 2017.

[8] HEUTGER 1968, S. 70-72.

[9] HEUTGER 1968, S. 85.

[10] HEUTGER 1968, S. 12-24.

[11] nach LETZNER: "Kürtze Beschreibüng des Fürstlichen Stiffts Und Closters Amelüngsborn" in GÖHMANN 1991, S. 17.

[12] JARCK/SCHILDT 2000, S. 297.

[13] GÖHMANN 1991, S. 17-18.

[14] vermutlich Fensterglaser, aber auch (Roh-)Glasverarbeitende.

[15] STEPHAN 2010, S. 134.

[16] BLOSS 1977, S. 7.

[17] BLOSS 1977, S. 82 e, 124.

[22] GÖHMANN 1982, S. 109-110 (Nr. 39).

[23] GÖHMANN 1982, S. 120, 122 - im 16. Jahrhundert: Gerechtsame 1580 Heinade: einige Morgen Land und Wiesen; im 17. Jahrhundert: Gerechtsame 1675 Heinade: eingige Morgen Besitz von Land und Wiese.

[35] LILGE 2000, S. 13-24.

[38] GÖHMANN 1982, S. 50, 109-115.