Novemberrevolution 1918 in Braunschweig
Klaus A.E. Weber

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Der Weg in die fragile deutsche Demokratie
Die deutsche Demokratie ist so vielfältig wie ihre Geschichte und sie ist Teil unserer lebendigen Erinnerungskultur, die es zu erweitern und zu stärken gilt.
Der Demokratieprozess wurde einst begleitet von der Frage, ob Monarchie oder Demokratie.
Dabei gab es Widerstand – wie immer ...
Nachmittags in Braunschweig
Braunschweig, den 8. November 1918.
Ich "Ernst August, Herzog von Braunschweig und Lüneburg" erkläre: dass ich für mich und meine Nachkommen auf den Thron verzichte, und die Regierung in die Hände des
Arbeits- und Soldatenrates lege.
ARBEITER – SOLDATENRAT
BRAUNSCHWEIG
Revolution und Abdankung
Die Abdankungsurkunde [5] von Ernst August (1887-1953), Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, ist ein besonderes Kulturerbe Niedersachsens.
Die in der Endphase des Ersten Weltkriegs von Herzog Ernst August am 08. November 1918 im Braunschweiger Residenzschloss nachmittags unterzeichnete Abdankungserklärung, gilt als das zentrale Dokument der Novemberrevolution in Braunschweig.
Die Abdankung besiegelt zugleich das Ende der Monarchie im Herzogtum Braunschweig.
Der Übergang von der Monarchie zur Demokratie ist nach dem Ersten Weltkrieg geebnet.
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Vermählung als Zeichen monarchischer Herrschaft
Victoria Luise von Preußen und Welfenprinz Ernst August [6]
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Der erste Monarch, der am 08. November 1918 auf seinen Thron verzichtete
Kurz vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges kommt es am 24. Mai 1913 im Berliner Schloss zur Vermählung des Hannoveraner Welfenprinzen Ernst August mit der Prinzessin Victoria Luise von Preußen (1892-1980), der einzigen Tochter von Kaiser Wilhelm II. aus dem Haus Hohenzollern und seiner Gemahlin Auguste Viktoria.
Nachdem am 06. November 1918 in Braunschweig ein Arbeiter- und Soldatenrat gegründet worden war, unterzeichnet Herzog Ernst August zwei Tage später, am 08. November, unter dem Druck der vor dem Schloss aufziehenden Massendemonstration von ca, 20.000 Bürger*innen - nach kurzer Bedenkzeit und Beratung mit seinen Ministern - die ihm vom "Arbeiter–Soldatenrat Braunschweig" vorgelegte Abdankungsurkunde.
Tags darauf verlässt Ernst August zusammen mit seiner Familie Braunschweig und geht nach Gmunden ins österreichische Exil.
Symbol für den Übergang zur Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg
Abdankung des Herzogs Ernst August zu Braunschweig und Lüneburg
Braunschweig, den 8. November 1918
NLA WO 144 Urk Nr. 1
Unterschriften: Ernst August │ Zander Vors[itzender] d.[es] S.[oldatenrates] │ A. Merges Vors[itzender] d.[es] A.[rbeiterrates] [nachträglich durchgestrichen und unterpunktet] – Als Zeugen der Echtheit der Unterschrift Seiner Königlichen Hoheit des Herzogs Ernst August: Carl v. Wolff │ Dr. Paul Knoke │ Frhr. Knigge │ von Grone
Nach der Abdankung wird die „Sozialistische Republik Braunschweig“, ausgerufen, verbunden mit der Hoffnung, eine proletarisch-sozialistische Musterrepublik zu schaffen.
Am 10. November 1918 bildet sich in Braunschweig die erste Regierung, die Gesetze und Anordnungen verabschiedet, um auch eine direkte Demokratie aufzubauen.
Der im Dezember 1918 neu gewählte Braunschweiger Landtag wird im Februar 1919 einberufen.
Mit der Abschaffung des kaiserlich-monarchischen Herrschaftssystems 1918 und infolge der spektakulären „Braunschweiger Revolution“ bleibt Braunschweig ein eigenständiges Land, in dem 1923 eine neue Verfassung erlassen wird und sich das Land zum „Freistaat Braunschweig“ erklärt.[4]
In jener Zeit lebt etwa ein Drittel der braunschweigischen Landesbevölkerung (ca. 500.000 Menschen) in der Hauptstadt Braunschweig.
Die dortige sozialdemokratische Bewegung ist seit der aufkommenden Industrialisierung wesentlich radikaler als jene in Hannover und Linden.
Die Braunschweiger Mehrheit geht während der reichsweiten Spaltung der SPD im April 1917 zur neugegründeten "Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands" (USPD), eine Minderheit verbleibt in der SPD („Mehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands“, MSPD).
Josef Oerter (1870-1928) wird in deren Führungsspitze gewählt.
„Sepp“ Oerter kehrt am Abend des 8. November 1918 nach Braunschweig zurück - zu spät, denn seinem politischen Konkurrenten August Merges (1870-1945) ist es als Vorsitzender des Arbeiterrates gelungen, die Abdankung von Herzog Ernst-August zu erzwingen.
Nachdem auch Kaiser Wilhelm II. am 09. November abdankt und der Kronprinz wie auch die übrigen deutschen Fürsten allen Regierungsansprüchen entsagen, gibt es – bei einem alten zerrütteten politischen System - in Braunschweig keinen Widerstand gegen die beiden zusammengebrochenen Monarchien.
Am gleichen Tag verkündet der sozialdemokratische Politiker Philipp Scheidemann (1865-1939) in Berlin vom Westbalkon des Reichstagsgebäudes den Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreichs und proklamiert zugleich die Deutsche Republik.
Am 09. November 1918 wird auch in Holzminden mittels "Bekanntmachung" ein "Arbeiter- und Soldatenrat für die Stadt Holzminden" gebildet - allerdings für eine "Revolution für Ruhe, Ordnung und Sicherheit".[2][3]
August Merges (1870-1945) wird am 10. November 1918 zum Präsidenten der „Republik Braunschweig“ ausgerufen.
Am 11. August 1919 unterzeichnete der Sozialdemokrat Friedrich Ebert (1871-1925) als direkt vom Volk gewählter Reichspräsident die "Weimarer Verfassung".
Die Weimarer Verfassung ist die erste parlamentarisch-demokratische Verfassung Deutschlands – ein Meilenstein der Demokratiegeschichte.
Mit der Weimarer Republik (1919-1933) erwächst ein neuer, aber instabiler und kurzlebiger Staat, den im konservativen Deutschland antidemokratische und antirepublikanische Kräfte zerstören.
Es gibt die erste deutsche Demokratie – letztlich aber zu wenig Demokraten.
Mit seiner Wahl am 22. Juni 1920 zum Ministerpräsident des Landes Braunschweig erlangt Josef Oerter zunächst als Vertreter der USPD Regierungsverantwortung.
Sich von der Linken abwendend, wird Oeter nach seinem Parteiausschluss aus der USPD im Januar 1924 Mitglied der am 20. Februar 1920 in München gegründeten NSDAP, wodurch diese erstmals im Braunschweigischen Landtag vertreten ist.
Zeit gesellschaftlicher Umbrüche und Zuspitzungen
Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der sich zusehends verschlechternden Versorgung mit Lebensmitteln, wichtigen Gütern des täglichen Bedarfs und Brennmaterial führt die von Arbeitern und Soldaten getragene revolutionären Erhebung in Braunschweig von 1918 zur Beseitigung der föderalen konstitutionellen Monarchie im autoritären Deutschen Kaiserreich (1871-1918) und zu dessen Transformation in eine parlamentarische Demokratie, die Weimarer Republik (1919-1933).
Am 7. Januar 1919 kommt es in Berlin zu einer Massendemonstration zur Unterstützung des parteiunabhängigen, linkspolitischen Spartakusbundes.
In Braunschweig demonstrierten am 20. Januar ca. 30.000 Menschen gegen die Ermordung von Rosa Luxemburg (1871-1919) und Karl Liebknecht (1871-1919) am 15. Januar 1919 in Berlin.
Anhänger des Spartakusbundes und der USPD unternehmen im März 1919 weitere Anstrengungen für die Bildung einer „Sozialistische Braunschweiger Räterepublik“.
Die „Spartakusgruppe Braunschweig“ ruft am 09. April 1919 auf dem Braunschweiger Schlossplatz den Generalstreik im Land Braunschweig aus mit dem Ziel, die braunschweigische Koalitionsregierung zu stürzen und eine Räteregierung zu errichten.
Am 11. April 1919 erfolgt auch in Holzminden ein "Aufruf zum Generalstreik!" des "Aktions-Ausschusses" an die Arbeiter und Arbeiterinnen Holzmindens.
Das Braunschweiger Bürgertum reagiert auf den Generalstreik mit umfassenden Boykottmaßnahmen.
Da ein Bürgerkrieg zu entstehen droht, verhängt die Reichsregierung am 13. April 1919 den Belagerungszustand über Braunschweig.
Schließlich zieht wenige Tage später, am 17. April 1919, das Freikorps unter dem Generalmajor Georg Ludwig Rudolf Maercker (1865-1924) ohne Gegenwehr des Arbeiter- und Soldatenrats in Braunschweig ein.
Obwohl die braunschweigische Regierung der „Republik Braunschweig“ die Streiks beendet hat, wird sie von der Reichsregierung kurzerhand abgesetzt.
Der braunschweigische Landtag wählt eine neue Regierung.
Am 06. Januar 1922 erhält Braunschweig eine republikanische Verfassung und erklärt sich zum Freistaat Braunschweig.
In jener Zeit spielt der Sozialdemokrat (MSPD) Heinrich Jasper (1875-1945) zeitweilig eine führende Rolle [1], so mehrmals als Ministerpräsident des Freistaates Braunschweig.
Im KZ Bergen-Belsen verstirbt er am 19. Februar 1945.
Schließlich wird Braunschweig Teil des zum 01. November 1946 gebildeten Landes Niedersachsen.
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[1] HAUPTMEYER 2004, S. 115 ff.
[2] MÜNTEFERING 2019.
[3] KRETSCHMER 1981, S.504-510.
[4] LUDEWIG 2000a.
[5] NLA WO 144 Urk Nr. 1.
[6] Sonderausstellung 2024 des Museums Schloss Fürstenberg „SCHERBEN ZUM GLÜCK“.

