Mittelalterliche Glasofentypen und Feuerungstechnik

Klaus A.E. Weber

 

KURZMANN beschreibt in einer Arbeit die „Mittelalterliche Glastechnologie. Archäologie – Schriftquellen - Archäochemie Experimente“.

 

Historische Abbildungen und Rekonstruktion

Um die Rohstoffe zur Glasherstellung einzuschmelzen und gut zu vermischen, bedurfte es in den Ofenanlagen großer Hitze (ca. 1.200° - 1.300° C); in heutigen Glasschmelzwannen ca. 1.600° C.

Bei manchen Darstellungen historischer Autoren bestehenFragen und Unstimmigkeiten.

So ist beispielsweise nach STEPPUHN [9] „das Flammenmeer“ bei Hrabanus Maurus etwas überbetont, vermutlich um die große Hitze innerhalb des Ofens zu symbolisieren, wobei aber zu bedenken sei, „dass diese in den wenigsten Fällen von Illustratoren angefertigt wurden, denen Glasproduktion und –verarbeitung wirklich geläufig waren“.

Allerdings weisen die zeitgenössischen mittelalterlichen Bildquellen „mit Sicherheit darauf hin, dass die hohen Schmelztemperaturen im Arbeitsofen mit (Buchen-)Holzscheiten in einem nicht abgedeckten Schürkanal erzielt worden sein müssen“.[9]

 

Hrabanus Maurus um 845/847

Während der karolingischen Umbruchzeit des 9. Jahrhunderts beschreibt der gelehrte Benediktinermönch Hrabanus Maurus (um 780–856) in der Lehrschrift „De Universo - De rerum naturis" (Über das Wesen der Dinge) auch eine Abhandlung über die Glasherstellung in einem Werkofen.

Hrabanus Maurus war in der Karolingerzeit

  • zunächst Abt von Fulda

  • später Erzbischof von Mainz

Das Kloster Fulda war seinerzeit das „weitaus größte und reichste Kloster des Frankenreiches und des gesamten Abendlandes“.

Mainz galt als die größte Diözese des Frankenreiches.

An beiden damals überaus wichtigen Orten ist für die Karolingerzeit eine Kenntnis der Glastechnologie belegt“.[6]

Hrabanus Maurus soll seine um 800-856 entstandene 22-bändige Enzyklopädie ausdrücklich Bischof Haimo von Halberstadt († 853) gewidmet haben, „damit sich das Wissen bei den Geistlichen und Mönchen in den bücherarmen Gegenden des neu zum Frankenreich hinzugewonnenen Sachsens verbreite“.[6]

Die frühmittelalterliche Abbildung eines sitzenden Glasbläsers am stehenden Glasofen [5] – eine Miniatur (Tafel 120) – zeigt eine schematische Ofendarstellung mit Giebeldreieck bzw. einem Kühlraum mit einem Kelchglas als zeittypisches Erzeugnis frühmittelalterlicher mediterraner Glasmacher (Süditalien?).

Kritisch sei angemerkt, dass bei neuen Auflagen des Werkes von Hrabanus Maurus die Form der Glasschmelzöfen immer wieder verändert wurde .

So ist nach STEPPUHN [9] sowohl auf der Ausgabe von 1023 wie auch der von 1425 „das Herausschlagen der Flammen aus den Arbeitslöchern, gelegentlich auch aus dem Schürkanal und dem Dach zu sehen“.

Frühmittelalterliches Bildzeugnis eines Glasbläsers am stehenden Glasofen [5]

Miniatur (Tafel 120) aus der Enzyklopädie des Hrabanus Maurus

 

Böhmische Glashütte │ frühes 15. Jahrhundert

Einen umfassenden Eindruck vom Arbeitsalltag auf einer spätmittelalterlichen Glashütte vermittelt, trotz perspektivischer Verzerrungen, die Darstellung eines Hüttenbetriebs aus dem frühen 15. Jahrhundert (um 1425) eine Miniatur als Illustration zu der Reisebeschreibung des Sir John Mandeville:[2][11][12]

  • Werkhalle aus Holz in Pfostenbauweise, Dachbedeckung mit Holzschindeln
  • liegender Glasschmelzofen mit Arbeitsöffnungen (übergroß), Blick auf niedrige Schmelzhäfen auf der Hafenbank

  • am Glasofen in verschiedenen Funktionen arbeitende Glasmacher

  • Gewinnung und Transport von Glassand und Holzasche als Rohmaterialien

  • Lagerung von Brennholz zur Trocknung

 

Spätmittelalterliche Glashütte aus dem frühen 15. Jahrhundert

British Museum, Add.Ms. 24189, fol. 6. [1]

 

Georgius Agricola um 1556

Die in detaillierten Holzschnittem um 1556 bei Georgius Agricola (1494-1555) und Antonio Neri dargestellte Dreiofenanlage in Form des bekannten bienenkorbförmigen Kuppelofens ist ein dreiräumiger, vertikaler Schmelzofen mit übereinander angeordneter Feuerungskammer, Schmelzkammer und Kühlkammer.

Biografische Ausführungen von Georgius Agricola legen nahe, dass er sein Wissen um die Glasherstellung maßgeblich in Venedig (Murano) erwarb, wo er von 1524 bis 1526 verschiedene Glasofenkonstruktionen mit unterschiedlicher Funktion studierte.[11]

Agricola besuchte das Haus des 1483 in Venedig geborenen Humanisten und Dichters Andrea Navagero (lateinisch Andreas Naugerius; † 1529), der auch Gärten in Murano besaß.

Dabei begegnete er ebenfalls dem venezianischen Drucker Francicus Asulanus († 1546).

 

Typus des Rundofens zur Herstellung von Soda-Halophytenasche-Glas in Italien [8]

nach Agricola im 16. Jahrhundert

 

Auch von Vannoccio Biringuccio (vor 1480-1537), dem ersten Autor der Metallurgie, sei im 16. Jahrhundert ein Glas-Arbeitsofen dokumentiert worden.[16]

 

In Mitteleuropa heimische Schmelzofentypen

Die im Mittelmeerraum bzw. bei venezianischen Glashütten übliche vertikale Kuppelofenkonstruktion (Rundofen) mit dem zentral platzierten kuppelförmigen Schmelzofen entspricht jedoch nicht jenen in Mitteleuropa heimischen Schmelzofentypen (Werkofenanlagen) in der Tradition der Waldglashütten nördlich der Alpen, wie auch die archäologische Forschungsergebnisse belegen.[3][4][8]

 

Glasschmelzofen │ um 1120


Horizontaler, hochmittelalterlicher Ofenbau │ um 1120

Glasschmelzofen des Rogerus von Helmarshausen nach ALMELING [7]

 

Glasofenanlage frühes 13. Jahrhundert

 

Rekonstruktion des Hauptofens und zweier Nebenöfen des frühen 13. Jahrhunderts

Waldglashütte Steimke bei Bursfelde im Bramwald nach STEPHAN [13]

 

Glasschmelzofen im Schönbuch │ 2. Hälfte 15. Jahrhundert

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts (um 1476/1477 - 1489/1490) konnte in der freigelegten spätmittelalterlichen Glasofenanlage mit Hauptofen mit einem Annex als Flügelofen und Nebenöfen am Standort Glaswasen im baden-württembergischen Schönbuch Hohl- und Flachglas hergestellt werden.

Die 5,0 x 3,5 m große Ofenanlage vom Typus des Rechteckofens verfügte „über eine Kühl-/Streck-Kombination, in der die Feuerungskanäle einen nahezu geradlinigen Verlauf aufwiesen“.[10][11]

Die runde Ofenkuppel wurde aus Bruchsteinen, Tiegelbruch und Lehm aufgesetzt .

 


Spätmittelalterlicher Glasschmelzofens mit Annex (Flügelofen) [4]

Südwestdeutschland │ 2. Hälfte 15. Jahrhundert

Schematische Rekonstruktion mit perspektivischer Sicht

farbliche Markierungen von Klaus A.E. Weber

 

Nach JENISCH [14] lassen sich anhand archäologischer Ausgrabungen an Glashütten in Baden-Württemberg für spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Glasschmelzöfen bei weitgehend gleicher Größe und Grundform „frappierenden Ähnlichkeiten“ feststellen.

Hieraus ergibt sich die idealtypische Rekonstruktion [15] eines spätmittelalterlichen Glasschmelzofens:

Rechteckofen, liegend

  • mit Kuppel überwölbt

  • beidseitig von umlaufender Ofenbank flankiert - für den Zugang zu den Schmelzhäfen durch die Arbeitsöffnungen

Schürkanal │ zentraler Feuerungskanal

  • einseitig befeuerbar, beschickt von der Schmalseite

  • rückwärts geschlossen

  • nach oben offen

  • beiderseits Bänke für die Schmelzhäfen (Hafenbänke)

 

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[1] Abb. aus LEIBER 1994b, S. 21.

[2] Bei JASCKE 1997 findet sich hingegen auf S. 40 die Angabe: Aus der Reisebeschreibung des J. de Bourgogne. Flämische Miniatur, Anfang 15. Jh. – Aus: Rademacher 1933, Tafel A, Abb.1.

[3] STEPHAN 2021, S. 122 Abb.121.

[4] FROMMER/KOTTMANN 2004, S. 248 Abb. 133.

[5] Abbildung aus: JASCHKE 1997, S. 24 (Sondersammlung des Deutschen Museums (6028)); Enzyklopädie des Rabanus Maurus — Lib. XVII, Kap. 10, p. 427: "de vitor", Tafel 120.

[6] DBU 2018, S. 43.

[7] ALMELING 2006, S. 14-15 Abb. 3.

[8] DBU 2018, S. 80.

[9] STEPPUHN 2010.

[10] STEPPUHN 2010; FROMMER/KOTTMANN 2004.

[11] JENISCH 2022, S. 14-29.

[12] STEPHAN 2010, S. 135.

[13] STEPHAN 2010, S. 135 Abb. 6.

[14] JENISCH 2022, S. 17-18.

[15] JENISCH 2022, S. 18 Abb. 10.

[16] WITTKOPP 2022, S. 103.