Objektgruppe Glas │ Glashütte "Oberes Hellental"

Klaus A.E. Weber

 

Oberflächennahe fragmentierte gläserne Bodenfunde lassen für die Waldglashütte im oberen Hellental ein differenziertes, regionaltypisches Formenspektrum spätrenaissancezeitlicher Hohl- und Flachgläser rekonstruieren.

Die Produktpalette frühneuzeitlicher Glasherstellung ist zudem ein Hinweis darauf, dass an der großen, abgelegenen Waldglashütte qualifizierte und fähige Glasmacher und andere Arbeiter beschäftigt waren.

 

Oberflächennahes Fundmaterial aus einer Abraumhalde

Neben "Siedlungsmüll" zeigen archäologische Spuren (Glasfragmente) vornehmlich aus einer Abfallhalde der Waldglashütte ein zeit- und regionaltypisches Formenspektrum von Hohlgläsern (Tafelgeschirr, Haushaltsglas) und Flachgläsern, insbesondere Fenster- und Butzenscheiben, feine Bodenscherben und Retortenfragmente von Alchemie-/Labor-/Apothekengefäßen, Trinkgläsern, Vorrats- und Schenkgefäßen und Flaschen sowie Knauf-Deckelfragmente.

Ohne archäologisch-wissenschaftliche Grabung konnten seit August 2004 bis heute insgesamt 8,6 kg Glasfragmente unterschiedlicher Größe und Qualität (davon 3,41 kg Produktionsabfälle, wie Abschläge von Glasmacherpfeifen, Glasbrocken, Glastropfen/-fäden (39,7 %)) oberflächennah aufgesammelt, zumeist dem zeit- und regionaltypischen Formenspektrum zugeordnet werden.

 

Hohlglas

zumeist kleinteilige Fragmente von Glasgefäßen

 

Färben und Entfärben

durch mineralische Glaszuschläge in Form von verschiedenen Metalloxiden

  • hell- bis dunkelgrünes Glas

  • kobaltblaues Glas

  • opak-rotes Glas

  • braunes Glas

  • violettes Glas

  • gelbliches Glas

  • bräunliches Glas

  • grüngraues Glas

  • farbloses Glas

 

Glaskomponente Kobaltoxyd

Für die tief blau gefärbten, leicht gebogenen Glassplitter ist als färbende Glaskomponente Kobalt- und Kupferoxyd anzunehmen.

Da beide Metalloxyde geologisch im Solling nicht natürlicherweise vorkommen, können sie von der Glashütte nur durch Fernhandel bezogen worden sein.

Zwar befanden sich in jener Zeit Kobaltlagerstätten im sächsischen und böhmischen Erzgebirge [5], dem hingegen ist davon auszugehen, dass das erforderliche Kobaltoxyd wahrscheinlich aus dem Bergbau in der Harzregion stammte.[18]

 

Opak-rotes Glas - geheimnisvoll

Nur mit hohem handwerklichem Geschick und technologischem Wissen konnte opak-rotes Glas unter Verwendung von metallischem Kupfer hergestellt werden.

 

Tafelgeschirr, Haushaltsglas

Viele Fragmente von Schäften und zahlreichen Wandungsscherben kleiner blaugrüner Römer gleicher Machart mit Fadenfüßen und in zwei Reihen versetzt aufgebrachten glatten, spitz nach oben ausgezogener Nuppen auf der Wandung konnten geborgen werden.

Grünglasfragmente von Stengelgläsern mit Zackenkranz (unter dem fehlenden Kelch) waren im oberflächennahen Fundgut auszumachen, wie auch Nodi von Spitzgläsern, teils mit Ansätzen zu Scheibenfüßen und ein Fadenfuß von einem grün gefärbten Spitzkelchglas; mehrere Kelchfußstücke und Wandungsscherben von Achtkantstangen sowie Böden und Bodenfragmente von zylindrischen Stangengläsern mit angeblasenem Fuß schlossen sich an.

Hinzugesellten sich ein grüngefärbter Becherboden mit angeschmolzenem, geriffeltem Fußring und glatter Fadenauflage auf der aufgehenden Wandung sowie Becherfragmente mit Quadermuster aus grünem, farblosem und kobaltblauem Glas.

Darüber hinaus ist der Fund einer glatten, halbkugelförmigen Nuppe, einer Rosetten-Nuppe sowie zweier bunter Glasringe (Klapperringe) [22] hervorzuheben, ebenso Fuß- und Wandungsteile von Zylinder- und Achtkantstangengläsern, teils mit geriffelter oder glatter Fadenauflage.

Als weitere Hohlglasscherben traten ein hellgrüner Deckelknauf, Fragmente von diversen Flaschen unterschiedlicher Größe, Randfragmente von Kannen/Krügen mit glatten Fäden auf der Schulter auf.

Es fanden sich Mikrofragmente aus kobaltblauem Hohlglas, ebenso auch wenige Formglasfragmente (Hohlglasscherben) mit polychromer Emailbemalung, darunter ein Becherbodenfragment mit Standring und aufgehender Wandung.

Für die tief blau gefärbten, leicht gebogenen Glassplitter ist als färbende Glaskomponente Kobalt- und Kupferoxyd anzunehmen (Bezugsquelle: wahrscheinlich Harzregion).

Da beide Metalloxyde geologisch im Solling nicht natürlicherweise vorkommen, können sie von der Glashütte nur durch Fernhandel bezogen worden sein.

 

Waldglashütte "Oberes Hellental" │ 1. Drittel 17. Jahrhundert

∎ Fragmente kleinformatiger gestielter Römer als Schnapsgläser

Historisches Museum Hellenta

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Modelgeblasene Trinkgläser

Biergefäße

  • grünliche Achtkantgläser - mit grün gefärbten, gekerbten Fadenauflagen

  • ausgestellte Fußscheiben von grünlichen Stangengläsern (runde Stangengläser?)

  • grünliche (Stangen-)Gläser - mit blau gefärbter, geriffelter Fadenauflage

  • Becher mit gemodeltem Quadermuster aus grünem, farblosem und kobaltblauem Glas

  • farblose Becher │ Humpen mit Emailbemalung

  • grünliche Berkemeyer │ Nuppenbecher mit gekerbten oder gewickelten Standringen; Hohlschäfte mit Reihen von nach oben gerichteten Nuppen [4]

  • grünliche Glasgefäße mit Deckelknauf

 

Stangengläser

Stangengläser gelten als eine spezielle Form des Trinkglases, vornehmlich verwendet als Bierglas.

Polygonale Stangengläser (Achtkantstangengläser) sind am Hüttenstandort fassbar, denn für „etwa ein Jahrhundert gehörten mehrkantige Stangengläser nunmehr zur Standardproduktion der Glasmacher im Solling“.[33]

Ausgesprochen kleinteilige Glasfragmente – bestehend aus Rand, Wandung, Boden – weisen auf zeittypische, grünliche Achtkantstangen der Renaissance hin, bestehend aus einem fast glockenförmigen, leicht ausladenden Fuß mit umgeschlagenem Hohlsaum und mit innen hochgestochenem Boden.

Zur anzunehmenden Gefäßhöhe und zum Volumen können keine verlässlichen Angaben gemacht werden.[3]

Bei Fragmenten grünlicher Achtkantstangengläser konnten umgelegte Fadenauflagen nachgewiesen werden:

  • gekerbt/geriffelt

  • glatt

Wie STEPHAN [33] ausführt, erbrachten „alle Glashütten des 17. Jahrhunderts im Solling mit einigermaßen umfangreichen Prospektions- oder Schürffunden ... Fragmente von derart gestalteten Stangengläsern.“

 

Weingläser

  • grünliche Römer mit halbkugeligen glatten Nuppen, Beeren- und Rosettennuppen

  • grünliche Spitzgläser │ Kelchgläser mit Fußplatte, Stiel und Kelch

  • Ringelbecher

 

Schnapsgläser

  • dunkelgrüne Fragmente kleinformatiger gestielter Römer („Puppenstubenrömer“) mit Zackenkranzdekor [13]

 

Deckelpokale

  • dunkelgrüne Deckelknauf-Fragmente, schlichten Deckelpokalen zugeschrieben [12]

 

Schalen

  • hellgrün und braun gefärbte Fragmente von Schalen; ein braunes Fragment mit Fadenfuß

 

Vorrats- und Schenkgefäße

  • Schenkgefäße │ Kannen/Krüge

  • Flaschen │ Bouteillen unterschiedlicher Größe

 

Farbloses Hohlglas mit dekorativer, polychromer Emailmalerei

Im Kontext des Nachweises emailbemalter Boden- und Wandfragmente von Hohlgläsern ist eine polychrome Hohlglas-Emailmalerei als veredelndes Bild oder Dekor für repräsentative Hohlgläser (Humpen) zu diskutieren, als Kunstwerke Ausdruck der Tätigkeit eines fachkundigen Glasmalers auf der Hellentaler Glashütte.[8]

Diese Überlegung zur Einschmelzbemalung auf der frühneuzeitlichen Waldglashütte wird unterstützt durch

  • die herstellungstypische Zeitstellung 1. Drittel 17. Jahrhundert
  • Glasfragmente aus farblosem Glas
  • Bleifunde als möglicher Schmelzzusatz zur Gewinnung von Emailfarben
  • den Bodenfund eines massiven, ehemals gestielten Glaskörpers mit Gebrauchsspuren an der Oberfläche, der als Pistill bzw. Glasläufer genutzt werden konnte [11]

 

Beeren-Nuppen am Hohlschaft eines Römers │ Mitte 17. Jahrhundert

Glasmuseum Hentrich im Museum Kunstpalast, Düsseldorf

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Nuppen-Formen

aus grünlichem Glas

  • glatte, spitz nach oben ausgezogene Nuppen

  • glatte, halbkugelförmige Nuppen

  • Beeren-Nuppen

  • Rosetten-Nuppen

 

Kelchglas (Grünglas) mit breitem Fadenfuß,

geriffelten Fadenauflagen und Glasringen (Klapperringe)

Focke-Museum │ Bremen │ Februar 2020

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Glasringe

Glasringe finden seit Jahrhunderten eine vielfältige Verwendung.

So waren nach KRUEGER [22] mittelalterliche Glasringe bereits etwa vom 10. bis ins frühe 14. Jahrhundert in einem weiten Verbreitungsgebiet als Grabbeigaben und als Siedlungsfunde in Burgen, Klöstern, Kirchen, Städten und ländlichen Siedlungen in Mode gewesen.

 

Klapperringe

Zwei vollständig erhaltene, fadendünne Glasringe wurden als Klapperringe aus einem Glasfaden von qualitativ gutem Farbglas geformt :

  • längsovaler, braun gefärbter Glasring (⦰ außen: 23 mm, innen 14 mm)

  • kreisrunder, hellgrün färbter Glasring (⦰ außen: 19 mm, innen 16 mm)

Die Glasringe mit kleinem Innendurchmesser waren als signalgebende Anhängsel für die im 16./17. Jahrhundert beliebten Ringelbecher vorgesehen.

 

Flachglas

Butzenscheiben- und Fensterglasstücke belegen die Herstellung von Flachglas.

 

Butzenscheiben

  • mehrere Fragmente hellgrüner Butzenscheiben

 

Fensterglas

  • mehrere Fragmente hellgrüner Fenstergläsern

 

Glaspistill

Fragment des Unterteils einer gläsernen Handhabe [7]

massives, fast opak dunkelgrünes Fragment mit teils konzentrischen Kratz- und Schleifspuren (feine Rillen als Abriebspuren) auf der konvex gewölbten Oberseite │ leicht ovaler Durchmesser: 55 – 60 mm

Durchmesser Stielansatz (hohl): außen 35 mm │ innen 24 mm

Höhe: 18 – 20 mm │ Gewicht: 125 g

Herstellung vermutlich in einer einteiligen, ehemals gestielten Form auf der Waldglashütte

Daneben konnte ein kleines Randfragment eines schwach transluziden, grünen Glases aus der „Abfallhalde“ der Glashütte geborgen werden.

 

Waldglashütte "Oberes Hellental" │ 1. Drittel 17. Jahrhundert

∎ Fragment eines Glaspistills (unterer Teil), ehemals mit Stiel als Handhabe

Kratz- und Schleifspuren auf der konvex gewölbten Unterseite

© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

Bei der Technik der Einschmelzbemalung (Emailfarben) konnte auch ein Glaspistill zum Pulverisieren in einem Glasmörser benutzt werden.

Die Reibspuren an dem massiven Glasfragment legen nahe, dass es dem Glasmaler als Pistill zum Anreiben von staubfeinen, farbigen Glaspigmenten und dem Vermischen des getrennt hergestellten Schmelzzusatzes mit dem pulverisierten Farbmittel (Farbzubereitung) und/oder auch zum Pulverisieren für metallurgische Prozesse bei der Gewinnung von Blei-, Cobalt- und Kupferoxiden gedient hat.

Nach ALMELING [15] wurden, "um beim Pulverisieren keine unerwünschten Beimengungen durch Abrieb von Gefäß oder Stößel zu bekommen, (...) die Substanzen im Glasmörser häufig mittels eines Glaspistills zerrieben".

 

Produktionsabfälle

Insgesamt konnten 3,41 kg Produktionsabfälle, wie Abschläge von Glasmacherpfeifen, Glasbrocken, Glastropfen/-fäden oberflächennah aufgesammelt werden.

 

Pfeifenabschläge

Als besondere Formengruppe sind die Abschläge der Glasmacherpfeifen zu benennen.

Die Negativabdrücke auf deren Innenseite lassen auf runde Enden der Glasmacherpfeien schließen.

 

Glasbrocken

  • dunkelgrünes Glas - vom Aspekt her blau imponierend

  • rot-opakes Glas - Rotfärbung durch Zuschlag von Kupferoxyd [14]

 

Glastropfen/-fäden

  • dunkelgrünes Glals

 

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[1] Bad Münder: Sonderausstellung im Museum im Wettbergschen Adelshof vom 01. April - 19. August 2012.

[2] MEIER 2012b.

[3] vergl. STEPHAN 2021, S. 28-38.

[4] RING 2003, S. 66-69, 72-73.

[5] STEPHAN 2021, S. 286.

[7] RING 2003, S. 182-183, 190-192.

[8] ALMELING 2006, S. 37-38.

[9] STEPHAN 2021, S. 38-42, 45-62.

[10] STEPHAN 2022, S. 128.

[11] vergl. ALMELING 2006, S. 36 Abb.13.

[12] vergl. STEPHAN 2021, S. 79 Abb. 84.

[13] vergl. STEPHAN 2021, S. 85 Abb. 90.

[15] ALMELING 2006, S. 36 Abb.13, 37.

[18] Persönliche Mitteilung von Frau Ursula Rempel, Abteilung Glashüttenwesen des Glas- und Hüttenmuseums Wieda, vom 15. Juni 2022.

[21] STEPHAN 2012b.

[22] KRUEGER 2020, S. 14.