museothek GLAS - Technik und Gestaltung

Klaus A.E. Weber

 

Manuelle Glasfertigung

LWL-Industriemuseum

Glashütte Gernheim

August 2006

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Das traditionsnelle Handwerk der manuellen Glasfertigung gehört zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit

Im Dezember 2023 gab die UNESCO bekannt, dass

  • das Wissen

  • die Handwerkstechniken

  • die Kenntnisse

der manuellen Glasfertigung zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit gehören.[11]

Bereits 2015 war die manuelle Fertigung von mundgeblasenem Hohl- und Flachglas in das nationale, bundesweite Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe aufgenommen worden.

Das Expertenkomitee Immaterielles Kulturerbe bei der Deutschen UNESCO-Kommission hatte die „Manuelle Glasfertigung“ im Jahr 2015 als Immaterielles Kulturerbe auf nationaler Ebene bewertet.

Somit wurde die handgearbeitete Fertigung von mundgeblasenem Hohlglas und Flachglas in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen:

„Für die Techniken der manuellen Hohl- und Flachglasfertigung sind komplexes Wissen und ein fundierter Erfahrungsschatz nötig. Die basale Handfertigkeit eines Glasmachers setzt eine mehrere Jahre dauernde ständige Übung und Erprobung voraus – Perfektion bildet sich im günstigen Fall nach zehn Jahren aus.“

 

Eine "erstarrte Flüssigkeit"

Glas ist ein künstlich hergestellter Werkstoff, der seit über 3.000 bis 4.000 Jahren mit Phasen herausragender Errungenschaften und Zeiten des Stillstandes kontinuierlich zur Schaffung von künstlerischen und funktionalen Gegenständen genutzt wird.

Im Kontext des Schmelzens von Metall oder des Brennens von Keramik ist das faszinierende Kulturprodukt Glas in seiner Entwicklung seit der Bronzezeit bekannt und gebräuchlich.

 

Römische Glasgefäße (Nachbildungen)

Colonia Augusta Raurica

Basel Landschaft

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Spiel mit Feuer, Sand und Asche

Der Begriff „ Glas“ (lat. vitrum) wird heute sowohl für den universellen Werk- und Wertstoff selbst als auch für die hieraus hergestellten Trinkgefäße gebraucht.

  • Prähistorische Glasobjekte (mesopotamische, ägyptische, ägäische Gläser) erwiesen sich in der chemischen Analyse zumeist als Alkali-Kalk-Silikat-Gläser.
  • Europäische prähistorische, römische und mittelalterliche Gläser lassen sich anhand der prozentualen Anteile von Natrium (Na), Kalium (K) und Magnesium (Mg) in verschiedene Gruppen von Alkali-Kalk-Gläsern differenzieren.

 

Frühmittelalterlicher Sturzbecher

Basel-Bernerring

2. Hälfte 6. Jahrhundert [9]

Historisches Museum Basel

Barfüsserkirche

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Das Kulturprodukt Glas ...

  • ist kein Feststoff, sondern ein Zustand mit hoher Materialdichte

  • ist ein seit über 4.000-7.000 Jahre verwendeter Werkstoff, erzeugt durch einen chemo-thermischen Prozess

  • ist geschmacksneutral
  • wurde wegen seiner Geruchsneutralität bei Römern und Franken geschätzt

  • entsteht unter enormer Hitze, wobei sich ein anorganisches Schmelzprodukt bildet, das abgekühlt und erstarrt ist, ohne jedoch zu kristallisieren ("erstarrte Flüssigkeit")

  • fasziniert seit Jahrtausenden ob seiner unbegrenzten Gestaltungsmöglichkeiten in Form und Farbe

  • ist unentbehrlich, wird überall eingesetzt und ist daher allgegenwärtig

  • bedarf der besonderen Wertschätzung, auch bei seinem alltäglichen Gebrauch

  • wird sowohl für den Werk- und Wertstoff selbst als auch für die hieraus hergestellten Trinkgefäße gebraucht

  • hat die Eigenschaft, dass es mit steigender Temperatur seine Viskosität verringert und gezogen, formgeschmolzen, getropft und geblasen werden kann

  • hat eine große chemische Widerstandsfähigkeit

  • ist weitgehend unempfindlich gegenüber hergestellten und aufbewahrten Substanzen sowie gegen Säure

  • ist in seiner Lichtdurchlässigkeit stark beeinflussbar

 

Die physikalischen Eigenschaften des Glases werden von der Zusammensetzung des Schmelzgemenges bestimmt, wobei grundlegend zu unterscheiden sind

  • die Härte

  • die Druckfestigkeit

  • die Zugfestigkeit

  • die Elastizität

 

Vom Luxusgut zum Allgemeingut und industriellen Serienglas

Grundsätzlich kann bei Gläsern und deren Analyse unterschieden werden nach

  • der chemischen Zusammensetzung

  • der Zeitstellung (Epoche)

  • dem Ort der Herkunft (Provenienz)

  • der Art und dem Umfang der lokalen Glasverarbeitung

  • der Form- und Farbgebung

  • der Dekorgesteltung

  • den Verzierungen, wie Nuppen, gekniffene Bänder, raffinierte Schliff- und Schnittdekore

  • den Rohglasquellen

  • den angewendeten Glasrezepturen

  • der technischen Erzeugung

  • den im Glasmacherhandwerk unterschiedlichen Kenntnissen und Fertigkeiten bei der Glasherstellung

  • der wirtschaftlichen, sozialen, modischen und künstlerisch-kreativen Verwendung

  • den Werkstatttraditionen in der Glasmalerei

 

Je nach handwerklicher Technik und Tradition wird der vielseitig verwendbare Werkstoff Glas

  • geblasen

  • gegossen

  • geschliffen

  • geätzt

  • lüstriert

  • überfangen

  • eingefärbt

  • mit anderen Materialien ⎸Zuschlagstoffen kombiniert

 

Flügelgläser "à la façon de Venise"

Glasmuseum Hentrich

Museum Kunstpalast, Düsseldorf

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Bedeutung bei der Entwicklung unserer Kultur - in Kunst, Wissenschaft und Medizin

Als „feste Flüssigkeit“ hat Glas eine umfassende Bedeutung für die kulturelle und wissenschaftliche Entwicklung der Menschheit und das innovative wie künstlerische Potential des Werkstoffes ist offenbar noch keineswegs ausgeschöpft.“[3]

Die antike Verwendung und moderne industrielle Nutzung kennzeichnen den Werkstoff in seiner funktionalen Rolle [10]

  • als Verpackung für Flüssigkeiten und empfindliche Stoffe - als Behältnisse für Salböle, Medikamente, Duftstoffe, Parfüm, Kosmetika bzw. kostbare Essenzen

  • als Speise- und Trinkgeschirr │ Tischgeschirr

  • als Fensterglas

  • als gechliffene Glaslinsen

  • als Lampenglas

  • für Nippes und Spielzeug

  • als Isoliermaterial
  • als Heizelement
  • zur Datenübertragung.

 

Ausschnitt aus einem Glasgemälde

Basel │ 16. Jahrhundert

Historisches Museum Basel

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Titurelpokal und Gralsschale

aus der Parcivalserie │ 1889

Glasmuseum Hentrich

Museum Kunstpalast, Düsseldorf

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Gerhart Hauptmann (1858-1921)

GLAS, GLAS

Was ist das?

Es ist und ist nicht,

Es ist Licht und kein Licht,

Es ist Luft und nicht Luft,

Es ist duftloser Duft.

Und doch ist es hart,

Ungesehen von der Gegenwart

Dem gefangenen Vogel, der es nicht sieht

Und den es in Weite zieht.

Ein Lied mochte ich dichten vom Glas,

Einen Hymnus ersinnen

Im Geiste tief innen vom trockenen Nass.

Glas, Glas

Was ist das?

Es glänzt wie Wasser und ist nicht nass.

Gieß Wasser in ein gläsernes Glas

Klar und rein:

Es wird Glas im Glase sein.

Und ist es Wein,

Dann ist das gläserne Glas voll Farbe und Duft,

Und selber das Glas, ist nichts oder Luft:

Eine Form aus Luft, eine Form aus Nichts,

Ein leeres, leuchtendes Kind des Lichts.

Wo bist du Glas? Ich sehe dich nicht,

Nur der Strahl, der sich in dir bricht.

Du bist vielleicht nur ein Gleichnis vom Geist,

Ein Spiegel von Bildern und Strahlen gespeist.

Geist hat weder Zeit noch Ort

Und ist trotzdem aller Horte Hort.

 

Werke des tschechischen

Bildhauers Jan Fišar [4]

Glasmuseum Hentrich

Museum Kunstpalast, Düsseldorf

1999

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Jan Fišar (1933-2010) [1]

Glas ist schön,

und es ist gefährlich.

Glas ist ein technologisches Problem,

und das ist auch gefährlich.

 


Stengelgläser │ um 1900

Sonderausstellung [8]

Landesmuseum Mainz

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Glasdidgerridoo

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Polychrome volkstümliche Emailbemalung

Landesmuseum Mainz

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

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[1] Tschechischer Bildhauer Jan Fišar (1933-2010). Zitat aus dem Dokumentarfilm "Das andere Glas aus Böhmen" von Jiři Havrda, 1995.

[2] KRAMER 2022b.

[3] KRAMER 2023d, S. 16.

[4] Aus der Sammlung von Frauke Thole, Hamburg │ 2017.

[8] Sonderausstellung des Landesmuiseums Mainz vom 13. Mai 2018 bis 28. April 2019: Ausgetrunken! Trinkgefäße von der Steinzeit bis zum Jugendstil.

[9] ARCHÄOLOGISCHE BODENFORSCHUNG BASEL-STADT / HISTORISCHES MUSEUM BASEL 2008, S. 376, Abb. S. 272-273.

[10] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 41.

[11] KRAMER 2023f.