Lein anbauen, Flachs gewinnen, zu Leinen verarbeiten

Klaus A.E. Weber

 

Aufgrund günstiger naturräumlicher und agrarsozialer Gegebenheiten erlangten sowohl die Herstellung von Flachsgarn als auch die Leineweberei in den Dörfern Südniedersachsens eine immense wirtschaftliche Bedeutung.

Der Anbau von Flachs, das Spinnen und die Leinenherstellung dienten der Eigenversorgung mit Textilien; der Verkauf der Produkte war für Kleinbauern und Tagelöhner nicht nur eine willkommene, sondern auch eine lebensnotwendige Einnahmequelle und bestimmte bis Ende des 19. Jahrhunderts im Winterhalbjahr das Alltagsleben.

Für die Berufsweber in den Dörfern stellte die Leinenherstellung den Haupterwerb dar.“[1]

Während des Höhepunktes der Leinenherstellung um 1800 zählten die zumeist der ärmeren Landbevölkerung angehörenden Handweber in vielen südniedersächsischen Dörfern zur stärksten Berufsgruppe.[2]

Im Sollingvorland erlebte „die Herstellung und der Vertrieb von Leinwand bis zur Mitte der 1820er Jahre eine Blüte“ mit allerdings zunehmender Absatzkrise in den 1830er Jahren, was „bereits um 1830 erstmals zu einer Auswanderungswelle“ in den Sollingdörfern führte.[3]

 

Die Hellentaler spinnen schon lange

Wie Bodenfunde von Spinnwirteln belegen, wurde bereits während des 12./13. Jahrhunderts textiles Handwerk auf einer mittelalterlichen Waldglashütte im Hellental ausgeübt.

 

Flachsernte

Freilichtmuseum Hessenpark │ Oktober 2018

© Historisches Museum Hellental, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Im 18./19. Jahrhundert hielt die Flachsfaser zum Garnspinnen und zur Leinenherstellung als maßgebliches nebengewerbliches Textilhandwerk in dem erst in den 1750er Jahren angelegten Sollingdorf Hellental Einzug – wie auch im übrigen Weserdistrikt.

In jener Zeit bot das arbeitsintensive textile Kleingewerbe zahlreichen Hellentaler Familien ein dürftiges Zubrot mit geringem Verdienst.

Dass 1765 etwa Dreiviertel der dörflichen Gewerbetreibenden Leinenweber waren, unterstreicht die einst große Bedeutung der Leinenweberei als Erwerbsquelle „kleiner Leute“ in dem armen Sollingdorf.

Frauen und Mädchen, aber auch kleinere Kinder, verrichteten vornehmlich während der langen Winterabenden zwischen November (Martini) und März (Ostern) das Verspinnen des Flachses.

Dabei wurden die aufbereiteten Flachsfasern mit dem Trittspinnrad so zusammengedreht und auf eine Spule gewickelt, dass ein gleichmäßiger, fortlaufender Faden entstand - das Garn als erstes Fertigprodukt.

Heimgewerblich wurde dann von Leinenwebern ausgewähltes Garn auf dem Holzwebstuhl im Wohnzimmer zu Leinengewebe verarbeitet - das Leinen als zweites Fertigprodukt.

In Folge erheblicher wirtschaftlicher, politischer, sozialer und letztlich produktionstechnischer Veränderungen während des 19. Jahrhunderts gaben schließlich immer mehr Hellentaler Familien ihr häusliches textiles Nebengewerbe auf – mit einschneidenden sozial-ökonomischen Konsequenzen.

 

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[1] BUSSE 1998, S. 74.

[2] BUSSE 1998, S. 77.

[3] BUSSE 1998, S. 85-86.