Der „Tartouflen-Bau“ unter Herzog Carl I.
Klaus A.E. Weber
© [hmh, Foto: Mechthild Ziemer
Von der renaissancezeitlichen Zierpflanze zum Energielieferanten
Zunächst begann vor etwa 500 Jahren die Karriere der Kartoffel in Europa als Zierpflanze.
Sie fristete schließlich lange das Leben als Sättigungsbeilage, die weiterkultiviert oder eingelagert wurde.
Vor drei Jahrhunderten bescherte die Kartoffel sogar einigen Zeitgenossen grässliche Magenschmerzen.[11]
In der Renaissance wurde die Kartoffel zur besonders wertvollen Pflanze für die Ernährung der Menschen jener Epoche.
Auch hatte der Garten während der Renaissance eine erhebliche Bedeutung erlangt, in dem in ihm u.a. auch Gemüse und Kräuter angebaut wurden.
Die Kartoffel gelangte erst zur Mitte des 16. Jahrhunderts über Spanien (1565) und England nach Europa.
Um 1750 war es unter Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel und unter der Leitung seines Hofjägermeisters Johann Georg v. Langen zum ersten Anbauversuch der Kartoffel im Harz gekommen.
Bereits 1621 war in Deutschland die erste Kartoffel angepflanzt worden, um deren Verbreitung sich Friedrich II. von Preußen verdient gemacht haben soll.

Gleichwohl war Friedrich II. von Preußen, historisch gesehen, kein "Kartoffel-König", wie es die Legende beschreibt.
Zwar hatte er die der Kartoffelpflanze immanente politische Bedeutung erkannt, betrieb aber in seinem Königreich ein kluges „Kartoffelmarketing“.
Denn die Ernährung der Bevölkerung war zunehmend schwieriger geworden in einer Zeit, in der sie stetig anwuchs und Getreidemissernten mehrmals zu heftigen Hungerkrisen geführt hatten.
Wegen
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des Anbaus
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der Zubereitung
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des Geschmackes
gab es gegenüber den „Erdäpfeln“ als Gartenfrucht zunächst recht große Widerstände seitens einer skeptischen Bauernschaft und der Gesamtbevölkerung.
Die Kartoffel wurde letztlich wegen ihres hohen Gehaltes an Stärkemehl aber doch noch die wichtigste Nutzpflanze, so auch in der hiesigen DorfRegion.
Der Kartoffelanbau bedeutete eine höhere Lebensmittelqualität und die Kartoffel entwickelte sich bis heute anhaltend zum „Volksnahrungsmittel“.
So konnte das „Holzmindener Wochenblatt“ 1787 denn auch berichten, dass inzwischen die Kartoffel "hier nun mit Erfolg feldmäßig angebaut und diese Frucht schon die tägliche Speise des Bürgers und Ackermanns" geworden sei.[15]
Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts ist die Kartoffel im Weserbergland bekannt.
Die staatliche Einführung des Kartoffelanbaus geht auf Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel zurück, im Zusammenwirken mit seinem Oberjägermeister Johann Georg v. Langen.
Der "Tartouflen-Bau" war für die Ernährungssicherung der Bevölkerung im Herzogtum Braunschweig von besonderer und weitreichender Bedeutung.
Herzog Carl I. stellte 1746 fest, "daß die Bauersleute den Anbau von Küchengewächsen in den Gärten an vielen Orten, insbesondere denen, so von den Städten entfernt sind, sehr vernachlässigen und zu ihrem eigenen Schaden sich nicht bemühen, Garten- und Vietsbohnen, Braunen Kohl, Salade und dergl. zu bauen".
Um den Korn- und Mehlverbrauch einzusparen, gab Carl I. die herzoglich Anweisung, darüber zu halten, dass die Untertanen den Anbau der Gartenfrüchte "besonders der in einer Landhaushaltung so nützlichen Kartoffel sich allen Fleißes angelegen sein lassen".
Um 1883 waren im Kreis Holzminden die Acker- und Gartenflächen je 1.000 ha bestellt mit 79 ha Kartoffeln bestellt.[3]
Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelte sich schließlich die Kartoffel zum "Hauptgegenstand der Landwirthschaft", so auch im Weserbergland.[13]
Der "Tartouflen-Bau" war für die Ernährungssicherung gerade der ländlichen Bevölkerung im Herzogtum Braunschweig-Lüneburg von besonderer und weitreichender Bedeutung.
Wie GEBHARDT [10] hierzu ausführt, gestaltete sich auch in Südniedersachsen die Verbreitung der Kartoffel seit etwa 1750 wie in den hundert Folgejahren eher schwierig:
"Die hauptsächlich bäuerliche Bevölkerung musste in erster Linie überzeugt werden, dass sie durch ein vergrößertes Nahrungsangebot mit zudem höherem Energiegehalt Vorteile gewinnen würde.
Aufklärungsarbeit war auch für die Pflanzmethode und Zubereitung der Kartoffel zu leisten."
Kulturgeschichtlich geht die staatliche Einführung des Kartoffelanbaus im Herzogtum Braunschweig-Lüneburg auf die Initiative und herzogliche Verordnung von Carl I. (1713-1780) zur Förderung des Kartoffelanbaus vom 15. Oktober 1756 zurück, im Zusammenwirken mit seinem Oberjägermeister Johann Georg v. Langen.[16][17][18]
Bei den braunschweigischen Harzorten Braunlage und Wieda begann der Kartoffelanbau, wo Anbauversuche in Mischkulturen mit Fichten angelegt wurden - allerdings nicht mit dem Ziel Kartoffeln als Nahrungsmittel zu erzeugen, sondern vielmehr zum Brennen von Kartoffelschnaps.[10]
Die ab 1748 von Johann Georg v. Langen betriebenen Anbauversuche misslangen aber wegen der ungeeigneten Bodenverhältnisse.
Bauerntrüffeln
Ein "vorzügliches Nahrungsmittel und tägliche Speise des Bürgers und Ackermannes"
Die landwirtschaftliche Produktion wurde vormals maßgeblich von zyklischen Agrarkonjunkturen und -krisen geprägt und damit auch die Gesamtwirtschaft.
So war auch das bäuerlich-dörfliche Leben und Arbeiten in der hier dargestellten Kleinregion zwischen nördlichem „Sölling“ und dem „Holtzberg“ ganz wesentlich vom Verlauf der Agrarkonjunktur abhängig.
Bereits während des Spätmittelalters war es zu schweren landwirtschaftlichen Krisen und anhaltenden Agrardepressionen gekommen - mit der Folge heftiger Hungerjahre.
Klima- und Witterungsschwankungen beeinflussten darüber hinaus die Subsistenz der bäuerlichen Dorfbevölkerung.
Schwerwiegende Missernten ereigneten sich hintereinander in den Jahren 1771-1773.
Nach den Hungerjahren 1771/1772 entwickelte sich eine „vehemente Agrarkonjunktur“.[2]
Die erste der drei Missernten lies die Agrarpreise erneut ansteigen.
Nach HAUPTMEYER [19] starben während der Hungerkrisen jener Jahre in den Dörfern weitaus mehr Menschen als geboren wurden, möglicherweise auch in den hier dargestellten Dörfern.
Die Bevölkerungskurve von Heinade und Merxhausen weist während dieses Zeitraumes zumindest eine kleine Senke bei einer ansonsten rasch zunehmenden Bevölkerungsentwicklung auf.
Ernährten sich seit dem Mittelalter die Menschen zunächst noch vorrangig von Getreideprodukten, vor allem durch Brot aus billigem Roggen.
So wurde später - um die Mitte des 18. Jahrhunderts - die Kartoffel in der Sollingregion heimisch und entwickelte sich im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts zum regional wichtigsten Nahrungsmittel.
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Herzogliche Verordnung von Carl I.
Förderung des Kartoffelanbaus │ 15. Oktober 1756 [5][6][7]
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Kornmangel 1756-1758
... und die "in einer Land=Haushaltung so nützliche Kartoffel"
Herzog Carl I. hatte bereits 1746 festgestellt, "daß die Bauersleute den Anbau von Küchengewächsen in den Gärten an vielen Orten, insbesondere denen, so von den Städten entfernt sind, sehr vernachlässigen und zu ihrem eigenen Schaden sich nicht bemühen, Garten- und Vietsbohnen, Braunen Kohl, Salade und dergl. zu bauen".[2][8][14]
In den Jahren 1756-1758 war es im Weserdistrikt zu einem erheblichen Kornmangel gekommen - zu Beginn des Siebenjährigen Krieges (1756-1763).
Der Getreidehandel hatte sich zu einem "recht kapitalistischen Handel" mit spekulativem Markt entwickelt.[12]
Um den Korn- und Mehlverbrauch rsp. das Brotgetreide angesichts des Nahrungsmittelmangels und der Teuerung einzusparen, gab Herzog Carl I. mit seiner Verordnung zur Förderung des bis dahin unbekannten Kartoffelanbaus vom 15. Oktober 1756 die Anweisung, darüber zu halten, dass die Untertanen den Anbau der Gartenfrüchte „besonders der in einer Land=Haushaltung so nützlichen Kartoffeln sich allen Fleisses angelegen seyn lassen“.[7][8]
Falls erforderlich, sollten auch größere Gärten für die Dorfbewohner*innen zur Verfügung gestellt werden.
Am 29. Januar 1754 hatte bereits die hannoversche Regierung "zur Verbesserung der Nahrung der Untertanen" einen Erlass zur "Anziehung der Erd=Aepfel oder Ertuffeln" herausgegeben.[10]
Kartoffelanbau in Merxhhausen 1764
Wie von TACKE [3] überliefert ist, wurden erst 1764 bei Merxhausen erstmals Kartoffeln, vermutlich in Gärten, angebaut - also ein Jahr nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges.
Nach RAULS [8] wurde bereits 1755 die Kartoffel in Braak angetroffen.
Wie KRETSCHMER [9] ausführte, habe das Holzmindener Wochenblatt 1787 gemeldet, dass der Kartoffelanbau "nun mit Erfolg feldmäßig erfolge und diese Frucht 'die tägliche Speise des Bürgers und Ackermanns' darstelle".
Um 1883 waren im Kreis Holzminden die Acker- und Gartenflächen je 1.000 ha bestellt mit 79 ha Kartoffeln bestellt.[4]
Kartoffelfäule und schwere Hungerkrisen
Die wiederholten, schweren Hungerkrisen bis zum 18. Jahrhundert werden fast ausnahmslos auf klimatisch bedingte Missernten zurückgeführt.
Im 19. Jahrhundert verschärften sich die Hungersnöte durch die stetig ansteigende Bevölkerungsentwicklung.
In Irland kam es zur großen Hungersnot in den Jahren 1845 und 1849
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[2] zit. nach RAULS 1983, S. 127.
[3] TACKE 1943, S. 41.
[4] KNOLL/BODE 1891, S. 116.
[5] KRUEGER 2013, S. 67.
[6] Fotografie: Ausstellung "Arbeit, Holz und Porzellan. Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel und die Wirtschaftspolitik im 18. Jahrhundert. Der Weserdistrict." - 23. März bis 06. Oktober 2013.
[7] Staatsarchiv Wolfenbüttel, 40 Slg 8143 Bl. 2.
[8] RAULS 1983, S. 127.
[9] KRETSCHMER 1981, S. 197.
[10] GEBHARDT 2021, S. 14-17.
[11] Blog-Artikel des Schweizerischen Nationalmuseums vom 04. Juni 2021 von Benedikt Meyer, Historiker und Autor.
[12] ALBRECHT 2020, S. 7-10.
[13] MUSEUMSVERBUND SÜDNIEDERSACHSEN 1991, S. 33-44.
[14] RAULS 1974, S. 121.
[15] nach dem „Holzmindener Wochenblatt“ von 1787 [zit. in RAULS 1983, S. 127.
[16] zit. in ANDERS 2004, S. 250.
[17] SPIEKER/SCHÄFER 2000, S. 207.
[18] SPIEKER/SCHÄFER 2000, S. 208.
[19] HAUPTMEYER 1995.
[20] ANDERS 2004.